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Architeuthis - der Riesenkalmar

1:1 Riesen der Meere: Auch ein Riesenkalmar gehört zu den beachtlichen Ausstellungsstücken im Ozeaneum Stralsund.

 
Die Besatzung der Alecton versucht, einen Riesenkal-
mar zu harpunieren. Aus: Jules Vernes "20000 Meilen
unter den Meeren". Bild: Andreas Fehrmann.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war der Riesenkalmar ein Seeungeheuer aus Legenden und Mythen, über das die Wissenschaft nur wusste, was Fischer und Seeleute berichteten. Olaus Magnus im 16. Jahrhundert, Egede und Pontoppidan im 18. Jahrhundert, hatten vom "Riesenkraken" berichtet. Die größtenteils stark übertriebenen Berichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit erinnern jedoch mehr an Seemannsgarn, als an wissenschaftliche Berichte.

Von Walfängern wurde berichtet, dass harpunierte Pottwale im Todeskampf oft etwas ausspuckten, dass an die Arme eines Tintenfisches erinnerte, nur viel größer war. Überdies fand man beim Zerlegen des Wales in seinem Magen handtellergroße Hornschnäbel, die an Papageienschnäbel erinnerten. Die Walfänger gingen davon aus, dass die riesigen Pottwale eben von ebenso riesigen Kalmaren lebten, mit denen sie in der Tiefe kämpften. Auch Herman Melville beschreibt 1851 in "Moby Dick" die Begegnung seines Walfangschiffes Pequod mit einem Riesenkalmar.

Erst drei Jahre nach der literarischen Begegnung der Pequod mit dem Riesenkalmar wurde das Thema erstmals wissenschaftlich behandelt. 

Der dänische Wissenschaftler Japetus Steenstrup erhielt Schnabel, Schulp und einige Saugnäpfe eines Riesenkalmars, der ein Jahr zuvor an der dänischen Küste an Land gespült worden war. Er verglich das Material mit entsprechenden Organen bekannter kleinerer Kalmararten und schloss daraus, dass es zu einem riesigen Kalmar gehören müsse, den er Architeuthis, den ersten oder größten Kalmar, nannte. Die Gattung Architeuthis Steenstrup 1856 bezeichnet heute noch die Atlantischen Riesenkalmare.


Schulp eines Riesenkalmars. Wegen ihrer schwertähnlichen
Form werden die Schulpe der Kalmare auch Gladius genannt.
Quelle: Expedition Aldebaran.
 

Ein Großteil der wissenschaftlichen Erforschung des Riesenkalmars hängt eng mit der Insel Neufundland im Nordwesten Amerikas zusammen. 

Karte von Neufundland

Zwanzig Jahre nach der Beschreibung des Riesenkalmars Architeuthis durch Steenstrup griff hier 1873 ein Riesenkalmar in der Nähe von Portugal Cove ein kleines Fischerboot an, zog sich aber zurück, nachdem die Fischer ihm zwei Fangarme abgehackt hatten. Diese Fangarme, Teile der großen Tentakel, wurden an Land gebracht und gelangten in die Hände des Reverend Harvey im nahen St. John's.

Harvey untersuchte die Armteile, beschrieb den Kampf der Fischer gegen den Riesenkalmar in mehreren Zeitungsartikeln und sandte die Armbruchstücke schließlich an den Meeresbiologen Verrill in New Haven, Connecticut. Zwei Monate später ging den Fischern in der Logy Bay, ebenfalls in Neufundland, im wahrsten Sinne des Wortes ein großer Fang ins Netz.

 
Reverend Harvey in einer BBC Verfilmung.

Es gelang ihnen, einen über neun Meter langen Riesenkalmar zu fangen und an Land zu bringen. Reverend Harvey erwarb den Kalmar und ließ ihn ihn seinem Wohnzimmer fotografieren. Anschließend sandte er den Kalmar an Professor Verrill, der nun wissenschaftlich belegen konnte, was man schon lange vermutete: Architeuthis existiert, und er ist tatsächlich ein riesiger Kalmar.


Meeresbiologe Mark Norman untersucht den
Schnabel eines Riesenkalmars. Quelle: Museum
of Victoria.
 

Seitdem sind mehrere hundert Exemplare von Riesenkalmaren unterschiedlicher Arten (man unterscheidet drei gesicherte und zahlreiche ungesicherte Arten) in aller Welt gefangen oder angeschwemmt worden. Das letzte Exemplar wurde am 22. Juli 2002 in Tasmanien vor der Südküste Australiens angeschwemmt.

Von der Biologie des Riesenkalmars ist nur die Morphologie umfassend erforscht worden. Bis jetzt ist es noch niemandem gelungen, Riesenkalmare in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten. Da man Riesenkalmare sowohl mit Schleppnetzen vom Ozeanboden, als auch mit Freiwassernetzen auf offener See gefangen hat, geht man heute davon aus, dass Riesenkalmare in Tiefen zwischen 300 und 1000 Meter am Abhang des Kontinentalschelfs leben. Im Magen von Albatrossen und verschiedenen Fischen, die nahe der Meeresoberfläche leben, hat man die Schnäbel junger Riesenkalmare gefunden, daher wird vermutet, dass Riesenkalmare im Verlaufe ihrer Entwicklung immer tiefere Wasserschichten aufsuchen.

Riesenkalmare gehören zu den Kopffüßern (Cephalopoda). Sie haben im Ganzen zehn Arme, davon zwei lange Tentakel mit keulenförmig verbreiterten Enden, die mit Saugnäpfen bewehrt sind und zum Fangen der Beute dienen.

 
Schnabel eines Riesenkalmars.
Quelle: American Museum of Natural History.
   
 
Großaufnahme eines Riesenkalmar-Saugnapfes.
Quelle: Expedition Aldebaran.

Acht kurze Arme rund im die Mundöffnung führen die Beute dem Mund zu. Dort zerkleinert sie ein Hornschnabel in kleine Stücke, die von der Radula weiter zerrieben werden. Während die gefangenen oder angeschwemmten Riesenkalmare meist weiß erscheinen, muss man sich ihr natürliches Aussehen mit einer rötlichen Färbung vorstellen. Die weiße Färbung rührt daher, dass die äußeren Hautschichten durch Netz oder Brandung abgerieben werden.

Riesenkalmare verströmen oft einen unangenehmen Ammoniakgeruch. Das liegt daran, dass Riesenkalmare zu den Kalmararten gehören, die Ammoniak in ihrem Muskelgewebe einlagern, um mehr Auftrieb zu erhalten. Wahrscheinlich können Riesenkalmare daher im Wasser schweben, ohne dafür schwimmen, also Muskelarbeit aufwenden zu müssen. Für den Menschen sind Riesenkalmare daher ungenießbar. Für den Pottwal (Physeter macrocephalus) ist interessanterweise das Gegenteil der Fall. Ein großer Teil seiner Nahrung besteht aus Kalmaren, auch aus Riesenkalmaren. Wie eingangs geschildert, findet man im Magen erlegter Pottwale Ansammlungen von Kalmarschnäbeln. Die Haut der Pottwale weist darüber hinaus Narben von den zahnbewehrten Saugnäpfen der großen Kalmare auf, die sich zur Wehr gesetzt haben. Man hat versucht, von der Größe dieser Narben auf die Größe der Kalmare zu schließen, die sie verursacht haben, jedoch wird dies dadurch erschwert, dass Narben mit der Haut des Pottwals wachsen und daher das Ergebnis verfälscht wird.


Riesenkalmar kämpft mit einem Pottwal.
Diorama im Naturhistorischen Museum in New York.
Bild: Mike Goren, Wikipedia.
 

Im Gegensatz zum Pottwal orientieren sich Riesenkalmare optisch. Die Augen des Riesenkalmars sind ebenso wie bei kleineren Kalmararten, im Verhältnis zur Körpergröße sehr groß. Der Durchmesser dieser größten Sehsinnesorgane des Tierreichs ist mit dem eines Suppentellers vergleichbar.

Interessantes wird auch über die Fortpflanzungsmethoden des Riesenkalmars berichtet. Weibliche Riesenkalmare, die man gefangen hat, wiesen im Gewebe ihrer ventralen (auf der Bauchseite liegenden) Fangarme unter der Haut liegende Spermatophoren (Behälter von Samenzellen, vgl. Fortpflanzung der Schnecken) auf, die ihnen wohl vom Männchen dort implantiert worden waren. Unbekannt ist, wie das Weibchen bei der Befruchtung seiner Eier an die Samenzellen kommt. Man vermutet, dass es entweder selbst die Spermatophoren öffnet, um die Eier zu befruchten, oder dass die Spermatophoren hormonell aus dem Gewebe gelöst werden. Selbst junge Weibchen wurden mit sehr vielen implantierten Spermatophoren gefunden. Daher geht man davon aus, dass Riesenkalmare einzelgängerisch leben und selten auf Artgenossen treffen.

Sehr wenig ist über das Verhalten der Riesenkalmare bekannt. Man vermutet, dass sie nicht, wie ihre kleineren Verwandten, hochaktive Jäger sind, sondern vielmehr Aasfresser und Lauerjäger. Im Magen von Riesenkalmaren hat man Fische und andere Kalmare gefunden. Aufgrund des eingelagerten Ammoniaks in der Muskulatur der Riesenkalmare ging man lange man davon aus, dass die Tiere im Wasser schweben und vorbeikommende Beute fangen und verschlingen. Die ersten Aufnahmen eines Riesenkalmars in seiner natürlichen Umgebung lassen daran allerdings Zweifel zu, sie deuten eher daraufhin, dass Riesenkalmare aggressive aktive Jäger sind.

Große Meerestiere, wie Pottwale gehören jedoch nicht zum Beuteschema des Riesenkalmars. Man kann also mit Sicherheit davon ausgehen, dass nur der Pottwal den Riesenkalmar jagt und nicht umgekehrt.

 
Futurama (2.12): Tief im Süden (The Deep South).

Vieles von der Biologie der Riesenkalmare ist entweder unbekannt oder muss, zusammen mit dem vorliegenden anatomischen Material, aus der Lebensweise kleinerer, aber besser bekannter, Kalmararten geschlossen werden.

Versuche von Meeresbiologen, Pottwale mit Kameras auszurüsten, um Aufnahmen von Riesenkalmaren zu machen, waren lange Zeit erfolglos. 2004 gelang es japanischen Wissenschaftlern (Tsunemi Kubodera vom National Science Museum und Kyoichi Mori von der Ogasawara Whale Watching Association), mit einem Netz von Kameras Bilder von einem lebendigen Riesenkalmar einzufangen. Da der Kalmar dabei einen Teil eines Tentakels verlor, konnten sogar DNA-Untersuchungen vorgenommen werden.

Inzwischen hat man sogar beeindruckende Beobachtungen von der vielfältigen Nutzung der Fangarme und Tentakel machen können, sowie den Einsatz von Biolumineszenz durch Riesenkalmare beobachten können, die wohl außer zur Kommunikation zum Teil auch zur Jagd genutzt wird.

Sicherlich weiß man heute viel mehr über Riesenkalmare, als zu Japetus Steenstrups Zeiten. Aber man kann kaum behaupten, alles über die Lebewesen zu wissen, die in den Tiefen unserer Meere leben. Und so wird auch der Riesenkalmar weiterhin zumindest zum Teil Legende bleiben, bis der Fortschritt der Technik es dem Menschen erlaubt, auch dieses Geheimnis der Natur restlos zu lüften.

Weiterführende Informationen: