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![]() Ein Schneckenkönig der Weinbergschnecke (rechts im Bild), im Vergleich mit einem rechts gewundenen Exemplar von Helix lucorum. Bild: [RN]. |
Ein anderes, äußerst seltenes Phänomen ist besonders bei Weinbergschnecken (Helix pomatia) sehr gut dokumentiert. Unter mehreren tausend arttypisch rechts gewundenen Exemplaren findet sich dort manchmal ein einzelnes links gewundenes Exemplar. Solche überaus seltenen links gewundenen Exemplare bezeichnet man im Volksmund als Schneckenkönig.
Die Windungsrichtung von Schneckenschalen ist natürlich genetisch festgelegt. Aufgrund der großen Seltenheit links gewundener Weinbergschnecken könnte man natürlich davon ausgehen, dass es sich um einen herkömmlichen dominant-rezessiven Erbgang handelt und das Merkmal "links gewunden" eben das rezessive Merkmal ist, das bei Mischerbigkeit vom dominanten Wildtyp-Merkmal (man spricht von Allelen) unterdrückt wird.
Dennoch kann nach der Paarung zweier rechts gewundener Weinbergschnecken vorkommen, dass der Nachwuchs einer der beiden Schnecken ausschließlich links gewunden ist. Dieser Sachverhalt ist mit einem dominant-rezessiven Erbgang nicht zu erklären.
Dank der Entdeckung des amerikanischen Genetikers Alfred Henry Sturtevant, 1923 in einem Artikel im Magazin Science veröffentlicht, wissen wir heute, dass die Windungsrichtung bei Schnecken tatsächlich dominant-rezessiv vererbt wird.
![]() Auch Schneckenkönige ruhen im Winter. Wie sehen die geneti- schen Grundlagen dieses außergewöhnlichen Erscheinungsbil- des aus? Bild: Monika Merkle (Schneckenzucht.de). |
In welcher Richtung sich die Schale einer Schnecke schließlich windet, hängt aber davon ab, wie die Zellteilungsspindel in der befruchteten Eizelle angeordnet ist. Die genetischen Grundlagen der Entstehung und Anordnung der Zellteilungsspindel werden aber vom Genom des Muttertiers (im Falle der zwittrigen Weinbergschnecken also die Schnecke, von der die Eizelle stammt) festgelegt, und nicht vom Genom des entstehenden Embryos.
Von Bedeutung für die Vererbung der Windungsrichtung bei Schnecken ist also das Genom des Muttertiers und nicht der Schnecke selbst – man spricht von einem Maternaleffekt oder von matrokliner Vererbung. So erklärt sich auch, wie eine rechts gewundene Schnecke links gewundene Nachkommen haben kann: Während sie äußerlich rechts gewunden ist, muss sie dennoch reinerbiger Träger des Merkmals "links gewunden" sein, was zu links gewundenen Nachkommen führt.
Die Genetik der Schalenwindung:
Erbgang mit Kreuzungsschema.
Dass sich folglich auch die Geschlechtsöffnung einer links gewundenen Weinbergschnecke auf der linken Körperseite befindet, gestaltet die Paarung eines Schneckenkönigs mit einer rechts gewundenen Weinbergschnecke etwas umständlich. Dennoch stellt sie die Tiere offensichtlich vor keine größeren Probleme, da es zu keinen erkennbaren Beeinträchtigungen in der Fortpflanzung kommt.
![]() Ein Bild mit Seltenheitswert: Ein Schneckenkönig (rechts) bei der Paarung mit einer normal gewundenen Weinbergschnecke. Bild: Peter Leonhardt (Felix-Helix-Projekt). |
Trotz des fundamentalen Unterschiedes in der Windungsrichtung ist allein äußerlich schon deutlich zu erkennen, dass es sich bei beiden beteiligten Schnecken um eine Weinbergschnecke (Helix pomatia) handelt.
Lebende Schneckenkönige sind jedoch aufgrund ihrer großen Seltenheit (eins zu mehreren Tausend) in freier Natur praktisch nie anzutreffen. Nur einem unglaublichen Zufall ist es da zu verdanken, wenn, wie im Fall von Karin und Peter Leonhardt, jemandem schon zum zweiten Mal ein lebendiger Schneckenkönig in die Hände fällt. Die näheren Umstände können der unten aufgeführten Homepage von Karin und Peter Leonhardt entnommen werden.
Mit der umgekehrten Windung der Schale geht eine spiegelverkehrte Anordnung der inneren Organe der Schnecke einher, ein Phänomen, das man mit dem beim Menschen diagnostizierten Kartagener-Syndrom vergleichen kann.
Weiterführende Informationen:
Literatur zu den genetischen Grundlagen: