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Die Überwinterung

Wenn im Herbst die Nächte länger und die Tage kürzer werden, muss sich die Weinbergschnecke darauf vorbereiten, die frostigen Temperaturen der Wintermonate in unseren Breiten zu überleben.


Der Winterdeckel schützt die Weinbergschne-
cke nicht nur gegen Frost, sondern auch vor
Austrocknung. Quelle: schneckenzucht.de.
 

An einer windgeschützten, mit Vegetation bedeckten Stelle gräbt die Weinbergschnecke ihr eigenes Winterversteck. Dazu hebt sie mit dem Fuß, unterstützt von drehenden Bewegungen der Schale, ein Loch aus, das der Höhle ähnelt, in der sie im Sommer ihre Eier abgelegt hat. Nur diesmal zieht sich die Weinbergschnecke selbst in dieses Versteck zurück, um dort zu überwintern. Von der Oberfläche zieht sie noch Pflanzenteile in ihr Versteck, um es noch weiter zu isolieren. Am Schluss wird die Winterhöhle von innen mit Erde verschlossen. Nun kann sich die Weinbergschnecke selbst darauf vorbereiten, die frostigen Wintertemperaturen zu überdauern.

Dazu sondert sie zunächst aus den Drüsen des Mantels ein kalkhaltiges Sekret aus, das an der Luft zu einem harten Deckel, dem Epiphragma, erstarrt, und die Schalenmündung verschließt. Dieser Mündungsverschluss ist aber nicht luftdicht, da sonst die Schnecke während des Winters ersticken würde. Deckt man das Epiphragma zu Versuchszwecken mit Wachs ab, so stößt es die Schnecke ab und kommt heraus.

Im Inneren der Schale zieht sich die Schnecke nun weiter zurück und atmet dabei Luft aus der Mantelhöhle aus. Dadurch entsteht ein Luftpolster, das sich zwischen die Schnecke und ihren Deckel legt und für eine weitere Isolierung sorgt. Oft legt die Schnecke auch mehrere Luftpolster hintereinander an, die durch Schleimmembranen voneinander getrennt sind.

 
An der Oberfläche können Weinbergschnecken den winterli-
chen Frost (hier auf einem Trockenrasen in Bad Vöslau, NÖ)
kaum überleben. Bild: Roberto Verzo (Quelle).

In ihrer Winterhöhle, die Schalenmündung durch den Deckel verschlossen und die Schale durch Luftpolster weiter isoliert, können die frostigen Temperaturen des Winters der Weinbergschnecke nur wenig anhaben. In einer Versuchsreihe zur Frostresistenz von Schnecken hat man herausgefunden, dass Weinbergschnecken Temperaturen von -40°C überleben können, wenn die Schalenmündung durch einen Schalendeckel verschlossen ist. Es fällt allerdings schwer zu glauben, dass dies allein durch die Bildung des Schalendeckels möglich ist. Zugegebenermaßen verhindert er, dass Eis ins Innere der Schale eindringen kann und das Gewebe der Schnecke beschädigt. Dennoch friert die Schnecke bei so tiefen Temperaturen teilweise ein.

Und tatsächlich geschehen bei einer Weinbergschnecke während der winterlichen Kältestarre bedeutende stoffwechselbiologische Veränderungen, durch die erst das Überleben der Schnecke auch bei tiefen Temperaturen gesichert ist. Zunächst scheidet die Weinbergschnecke zu Beginn der Überwinterung alles überflüssige Wasser aus dem Körper aus. So sehr die Schnecke während des übrigen Jahres doch versucht, Wasserverlust zu vermeiden, so erfüllt dies im Winter doch seinen Zweck: Je weniger Wasser sich in den Zellzwischenräumen befindet, desto weniger leicht bilden sich Eiskristalle, die das Gewebe beschädigen. Zusätzlich steigt durch Ausscheidung von Wasser die relative Menge im Blut gelöster Teilchen. Dadurch bildet  die Schnecke ihren eigenen Frostschutz, der noch verstärkt wird, indem die Schnecke möglich freie große Moleküle, wie z.B. Proteine, in kleinere Bausteine zerlegt. Sogar überflüssige Moleküle des Blutfarbstoffes Hämocyanin werden während der Kältestarre abgebaut.

Um den Energieverbrauch während der Kältestarre möglichst gering zu halten, werden alle überflüssigen Körperfunktionen der Schnecke reduziert. So sinkt die Herzschlagfrequenz auf einen Bruchteil des Aktivwertes (von 36 Schlägen pro Minute bei einer aktiven Schnecke auf 3 - 4 während der Kältestarre), so dass der Sauerstoffverbrauch einer überwinternden Schnecke nur noch 2% dessen einer aktiven Schnecke beträgt.

Die Exkretion findet auch während der Überwinterung in der Niere der Weinbergschnecke weiter statt. Die dabei entstehende Harnsäure wird jedoch im Nierengewebe gespeichert und erst nach dem Erwachen mit der Zeit ausgeschieden.


Die zunehmende Temperatur und Feuchtigkeit im Frühjahr sorgen dafür, dass die Wein-
bergschnecke mit dem Fuß den Winterdeckel abstößt und herauskommt.
 

Während die Einleitung der Kältestarre im Wesentlichen in Zusammenhang mit der abnehmenden Tageslänge, abnehmenden Außentemperaturen und dem Mangel an Futter im Herbst steht, wird das Erwachen der Weinbergschnecke im Frühjahr vor allem von Temperatur und Feuchtigkeit beeinflusst. Wenn die Durchschnittstemperaturen über einen Wert von etwa 8°C steigen, kehrt der Stoffwechsel der Weinbergschnecke zum Aktivzustand zurück. Die Schnecke beginnt schließlich, den Fuß auszustrecken und die Membranen zwischen den isolierenden Luftpolstern zu durchbrechen. Zuletzt schiebt die Weinbergschnecke den Winterdeckel an der innen liegenden Ecke nach außen und stößt ihn schließlich ab.

Nach dem Erwachen aus der Kältestarre sind die Weinbergschnecken ausgehungert und infolge des Wasserverlustes während der Kältestarre ausgetrocknet: Während der Überwinterung verliert eine Weinbergschnecke etwa 10 – 15% ihres Ausgangsgewichtes. Während die Schnecke, ausreichende Nahrungsversorgung vorausgesetzt, innerhalb von zwei Tagen etwa 50% des Verlustes ausgleichen kann, braucht sie mehrere Wochen, um wieder ihr vollständiges Gewicht zu erreichen. Nach dem Erwachen aus der Kältestarre hat die Weinbergschnecke keine Möglichkeit mehr, einen weiteren Kalkdeckel anzulegen. Plötzlich einsetzende Nachtfröste im Frühling führen daher zu besonders großen Verlusten bei den inzwischen aufgewachten Weinbergschnecken.

Die abgestoßenen Winterdeckel der Weinbergschnecken kann man meist gesammelt an den bevorzugten Winterquartieren der Schnecken finden, ein Anzeichen dafür, dass die Schnecken oft immer wieder die gleichen Winterquartiere aufsuchen.

Die Kältestarre der Weinbergschnecke ist biologisch nicht mit Winterschlaf und Winterruhe, wie sie bei Säugetieren und manchen Vögeln, also ausschließlich bei gleichwarmen Tieren vorkommen, zu vergleichen. Jedoch stellt die Winterstarre der Weinbergschnecke eine sehr weitgehende Art der Überwinterung dar, während der die Schnecke zahlreiche physiologische Veränderungen durchmacht, die es ihr ermöglichen, selbst sehr tiefe Minustemperaturen zu überleben, wenn sie ausreichend angepasst ist.

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