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Kopffüßer in Mythen und Legenden

Vormals: "Die Legende vom Riesenkraken".

 
Kraken greift Segelschiff an
Ein Kraken greift ein Segelschiff an, nach Vorbild von Olaus Magnus und
Conrad Gesner. KI-Illustration: Robert Nordsieck. Bild vergrößern!
     
Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4
     

 

Inhalt

Einleitung

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In jeder Legende, heißt es, sei ein Korn Wahrheit. In der Legende vom Riesenkraken ist, wie wir heute wissen, mehr als nur ein Korn Wahrheit. Andererseits ist aber auch ein gerüttelt Maß Unwissenheit in den Zutaten zu den meisten Schauergeschichten von vielarmigen Seemonstern, die unachtsame Seeleute in den Tiefen des Meeres erwarten.

Eines ist sicher - das Meer mit seinen unerforschten Tiefen, so nah es uns auch sein mag, ist uns dennoch auf eine gewisse Art und Weise ferner als der Weltraum. Die Lebewesen, die in der Tiefsee zu Hause sind, kennen wir oftmals nur aus dem Fang der Tiefseefischerei und dann nie lebendig, da die an den hohen Wasserdruck der Tiefsee gewöhnten Tiere in geringeren Wassertiefen ebenso jämmerlich zugrunde gehen, wie wir, wenn wir ohne die schützende Hülle der Taucherglocke versuchen würden, diese Tiefen zu erreichen.

Für wen also halten wir uns, dass wir über Gelehrte aus der Renaissance urteilen, die gerade erst erfahren hatten, dass es einen ganzen Kontinent im Westen gibt, den niemand kannte, wenn sie weder wissen noch verstehen, was in der Tiefsee lebt? Wirklich wissen tun wir das eigentlich auch nicht.

Die Antike

Von Homer bis Plinius.

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Herakles kämpft gegen die Lernäische Hydra
Herakles kämpft gegen die Lernäische Hydra.
KI-Illustration: Robert Nordsieck. Bild vergrößern!
 
Die Legende von (nicht unbedingt vielarmigen) Seeungeheuern ist wahrscheinlich schon so alt, wie die menschliche Seefahrt. Homers Odyssee aus dem 7. oder 8. Jahrhundert v. Chr. gehört zusammen mit der Ilias zu den ältesten schriftlich fixierten und einflussreichsten Werken der abendländischen Literatur. Darin beschreibt Homer als eine der Prüfungen des Odysseus die Skylla und Charybdis, zwei Monster, die in der Straße von Messina die Seefahrt bedrohen. Kommt man ihr zu nahe, zieht die Charybdis das Schiff in ihren Schlund. Weicht man ihr aus, kommt man der Skylla zu nahe, die Seeleute vom Deck wegfängt und verschlingt. Homer beschreibt die Skylla als ein See-Ungeheuer, das mit seinem Hinterleib im Felsen steckt. Sie hat viele Arme mit Köpfen daran und fängt nicht nur Seeleute, sondern auch Meerestiere, die in Reichweite ihrer Arme gelangen. 1 - 8 n.Chr. erzählt der römische Dichter Ovid in seinen Metamorphosen (Buch 13) die Legende mit einiger Ausschmückung nach.

Lässt man die literarische oder legendäre Komponente außer Acht, so erinnert den Kundigen diese Beschreibung entfernt an einen Kraken, der ebenso wie die Skylla mit dem Hinterleib in einer Felsspalte versteckt bleibt und nur mit den Fangarmen in das umgebende Wasser hinausreicht, um sich Nahrung zu verschaffen. Im Gegensatz zur Skylla sind die zu Homers Zeiten in seinen griechischen Heimatgewässern vorkommenden Kraken im Maximalfalle einen Meter groß und keineswegs so groß, dass sie ein Schiff oder seine Insassen bedrohen könnten. Andererseits ist die Skylla vermutlich nicht nur ein Wesen, sondern ein Konglomerat aus unterschiedlichen Gefahren, vor denen antike Seefahrer sich hüten müssen.

  Gaius Plinius Secundus (der Ältere)
Gaius Plinius Secundus (der Ältere), 23/24 - 79 v. Chr.
Bild: Cesare Cantù, 1859 (Quelle).
In "Sea Fables Explained" ("Sea Monsters Unmasked", Teil 2) schreibt Henry Lee 1883  (vgl. Literatur), dass die Lernäische Hydra (eine der Aufgaben des Herakles) ein Krake gewesen sein könne, denn Kraken könnten ebenso, wie diese ihre Arme nach deren Verlust nachwachsen lassen. Zudem befand sich nahe Lerna auch zu Homers mutmaßlicher Zeit noch die antike Stadt Mykene, in deren Ruinen der deutsche Archäologe Heinrich Schliemann (bekannter geworden durch seine Ausgrabungen bei Troja) 1876 zahlreiche goldene Artefakte mit Krakenmotiven aus der mykenischen Zeit gefunden hatte. Auch aus ägyptischen Bauwerken waren damals schon Krakendarstellungen bekannt. Nachdem ein großer Teil der mykenischen Kultur vom Meer abhing, erscheint es nachvollziehbar, dass ein möglicherweise nur wenig verstandenes Tier wie ein Krake mythischen Charakter erhält.

Einige Jahrhunderte nach Homers Zeit beschrieb Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) den Polypen. Damit meinte er mit dem griechischen πολύπους (polýpous), also "Vielfüßer" aber den Kraken, den man heute mit einem anderen griechischen Ausdruck, nämlich ὀκτώπους (oktṓpous), also Achtfüßer, bezeichnet. Der französische Gelehrte René-Antoine Ferchault de Réaumur schrieb den Begriff des Polypen 1742 den Nesseltieren (Cnidaria) zu, und so wird er auch größtenteils heute noch verwendet.

Kurz nach der Zeitenwende wurde die Naturalis Historia des römischen Gelehrten Plinius des Älteren 79 n.Chr. posthum veröffentlicht (Plinius war beim Ausbruch des Vesuvs umgekommen). Darin beschreibt er beispielsweise, wie ein riesenhafter "Polyp" (er übernahm den Begriff von Aristoteles) mit zehn Meter langen Armen in Carteia (in der Nähe des heutigen Algeciraz) in Spanien die nahe der Küste gelegenen Fischteiche geplündert habe. Die Wachen töteten das "Ungeheuer", das darauf einen äußerst unangenehmen Geruch verbreitet habe.

Auch dies erinnert den zuvor erwähnten Kundigen an einen Riesenkalmar (Architeuthis dux), der zum einen diese Größe erreichen kann und zum anderen Ammoniumsulfat im Gewebe anreichert, um den Auftrieb im Wasser zu unterstützen. Auch moderne Wissenschaftler haben sich über den starken Salmiak-Geruch erlegter Riesenkalmare beklagt, und im Bereich der iberischen Halbinsel wurde auch in moderner Zeit schon bereits mehrfach über angeschwemmte Riesenkalmare berichtet.

Die Renaissance und Aufklärung

Von Olaus Magnus bis Erik Pontoppidan.

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Der Begriff Krake oder Kraken hat seine Wurzeln in Skandinavien. Die möglicherweise erste Erwähnung stammt aus der Örvar-Odds Saga. In der altisländischen Vorzeit-Saga, die im späten 13. Jahrhundert niedergeschrieben wurde, entkommt der Held nur knapp einem Kraken, der ihn und sein Schiff zu verschlingen droht.

Wikipedia: Örvar-Odds Saga.


Carta Marina (1539), Ausschnitt von den Färöer-Inseln.
Bild: Olaus Magnus (Quelle). Bild vergrößern!
 
   

Carta Marina (1539), Ausschnitt von der Küste Norwegens.
Bild: Olaus Magnus (Quelle). Bild vergrößern!
 
Eines der ersten schriftlichen Zeugnisse der neueren Zeit legte im 16. Jahrhundert der schwedische Bischof Olof Månsson, später bekannt als Olaus Magnus (1492 - 1557) in seinem Werk "Historia de Gentibus Septentrionalibus" (Geschichte der nordischen Völker, 1555) ab. Olaus Magnus hatte als erster eine "genaue und detaillierte" Karte Skandinaviens, die "Carta Marina" geschaffen und mit der "Geschichte der nördlichen Völker" einen systematischen, nahezu enzyklopädischen Bericht über aller Eigenheiten Skandinaviens, von der Lebensweise der Bewohner bis hin zur Tierwelt abgeliefert.

 
Meerwunder und seltzame Thier: Sebastian Münster, Cosmographia,
1544 (Quelle). Bild vergrößern!
So beschrieb er in Buch 21, Kapitel 5 ( Seite ansehen!) den Kraken als einen eine sehr großen Kopffüßer. Seine Beschreibung geht auf Schilderungen norwegischer Fischer zurück, die er auf seinen Reisen in den skandinavischen Ländern kennen gelernt hatte. Er schrieb weiter von monströsen Fischen, deren Gestalt schrecklich und gänzlich schwarz sei, deren viereckiger Kopf lange Hörner habe, wie ein Baum Wurzeln und deren Auge starr und grausam, eine Elle groß sei und von tiefroter Farbe. Es erscheint wahrscheinlich, dass, wenn Olaus Magnus schon nicht selber einen Kraken gesehen hat, zumindest die Fischer, die ihm berichteten, Augenzeugen waren. Der Bericht umfasst eine Größenbeschreibung des Kraken von zehn Ellen Umfang und einer Armlänge von nochmals 10 Ellen. Geht man davon aus, dass eine Elle regional zwischen 50 und 80 cm betrug, so muss der Olaus'sche Krake bis zu 16 Meter groß gewesen sein.

Olaus Magnus: "Historia de Gentibus Septentrionalibus" (1555): Project Runeberg.
Albers, Madelief, Nyholt, Sanna: "Olaus Magnus' Monstrous Creatures". Digitale Ausstellung der University of Groningen Library, 2026.

Die Carta Marina von Olaus Magnus (1539) deutet hier aber schon auf die Problematik hin, dass die Karte, die zwar für das 16. Jahrhundert genau und detailliert sein sollte, jedoch auch die Aufgabe hatte, die Seeleute vor allfälligen Gefahren zu warnen. Die Schilderungen der Seeleute, auf denen auch Magnus' Beschreibungen in seiner Buchreihe fußten, mögen oftmals sehr erfindungsreich gewesen sein, so dass möglicherweise wahre Beobachtungen und Phantasie ineinanderflossen. Im Besonderen hatte Olaus Magnus auf der Karte nicht nur mythische Seemonster, sondern sehr wohl auch durchaus real existierende Tiere dargestellt, darunter Wale, Schwertwale, Walrosse und Robben.

Einige Rückschlüsse mögen aber dennoch zulässig sein: Olaus Magnus hatte offensichtlich den Wunsch, neben naturhistorischer Beobachtung auch die Kultur der skandinavischen Völker einfließen zu lassen. Dass er das Tier als Kraken bezeichnete, muss nicht zwingend bedeuten, dass es sich tatsächlich um einen solchen gehandelt habe. Für einen Riesenkalmar (Architeuthis dux) wären die gelieferten Größenangaben durchaus vertretbar, zumal wenn man noch einen Prozentsatz an erzählerischer Freizügigkeit einrechnet. Auch die rote Farbe, auch wenn sie vielleicht nicht gerade tiefrot ist, ist vor diesem Hintergrund durchaus nachvollziehbar, da zum einen Riesenkalmare normalerweise rot gefärbt sind, weil das in der Tiefsee die beste Tarnung darstellt. Andererseits nehmen viele Kopffüßer eine rötliche Farbe an, wenn sie gestresst oder aggressiv sind. Zusätzlich ist es sehr wohl auch in moderner Zeit etwa auf den britischen Inseln zu Anschwemmungen von Riesenkalmaren gekommen.

Andererseits liefert auch Henry Lee 1883 in "Sea Fables Explained" (vgl. Literatur) für die Seeschlange, die Olaus Magnus ebenfalls schildert (im Bild links rot zu erkennen), die mögliche Interpretation als einen Fangarm eines Riesenkalmars. Auch hier wäre die rote Farbe nicht abwegig. Andererseits wurde Lee aber kurz nach Veröffentlichung seines Buches von dem niederländischen Autor Oudemans auch dafür kritisiert, dass Olaus Magnus ausdrücklich eine Seeschlange gemeint habe, gibt aber kurz darauf zu, dass viele Sichtungen von "Seeschlangen" vermutlich große Robben gewesen seien.

Die Carta Marina oder Auszüge daraus, ebenso wie die "Historia de Gentibus Septentrionalibus", wurden von vielen Zeitgenossen Olaus Magnus' zitiert oder weiter verwendet, so zum Beispiel dem deutschen Universalgelehrten und Kosmographen Sebastian Münster (1489 - 1552), der "Meerwunder und seltzame Thier, wie die in den mitternächtigen Ländern und auff dem Lande gefunden werden" auf einer Abbildung in seiner berühmten Cosmographia aus dem Jahre 1544 darstellt.

Nigg, Joseph: "Olaus' Magnus' Sea Serpent". The Public Domain Review, 2014.
Wikipedia: Cosmographia (Sebastian Münster).

Ebenso wie seine Carta Marina wurde auch Olaus Magnus' "Geschichte der nordischen Völker" vielfach von Zeitgenossen und Nachfahren zitiert und für ihr Werk weiter verwendet.


Conrad Gesner (1516 - 1565): Schweizerischer Naturforscher.
Bild: Jules Pizzetta (1895), (Quelle). 
 
 
Seeschlange, nach Olaus Magnus. Bild: Conrad Gesner (1558), Vol. 4,
S. 93. (Quelle). Bild vergrößern!
So gab wenige Jahre später der schweizerische Naturforscher Conrad Gesner (1516 - 1565), der oft als der "Vater der Zoologie" betrachtet wird, 1558 seine Buchreihe "Historia animalium" heraus, deren 4. Band "de piscium et aquatilium animantium natura", also Fische und andere Meereslebewesen zum Thema hat und erwähnte dort auch die von Olaus Magnus beschriebenen Seemonster von den Küsten Norwegens. Bei ihrer Beschreibung war aber auch Gesner vorsichtig genug, Angaben von Olaus Magnus nur als Zitate und im Kontext von dessen Werk zu übernehmen.


 
Gesner, Conrad: Historia animalium liber IIII. qui est de piscium et aquatilium animantium natura. Christoph Froschauer, Zürich 1558 (Zentralbibliothek Zürich).

Schlussendlich muss man solche Berichte natürlich auch im Verständnis der damaligen Zeit sehen: In der Renaissance erhielten viele Gelehrte erstmals Zugriff auf die antike Literatur. Neue Entdeckungen (1495 hatte Columbus Amerika entdeckt) sorgten für eine große Menge neuer Lebewesen, die in Europa niemand jemals zuvor gesehen hatte. Die Gelehrten der frühen Renaissance hatten keine Möglichkeit, abzuschätzen, ob der Bericht eines Fischers, selbst in Anbetracht der sprichwörtlichen Neigung von Seeleuten zur Übertreibung und zur Ausschmückung, wahr war oder ins Reich der Phantasie gehörte.

Berichte über Sichtungen von Kraken in skandinavischen Gewässern sollten jedoch nicht enden und, wenn überhaupt, an phantastischer Beschreibung nur noch zunehmen. So haben in den folgenden Jahrhunderten nach Olaus Magnus weitere skandinavische Naturforscher vom Kraken berichtet, wie zum Beispiel zu Beginn des 18. Jahrhunderts Hans Egede, der "Apostel Grönlands".

Hans Egede war wohl einer der ersten, der den Begriff Kraken aus dem Norwegischen prägte. Besonders ist neben seiner exorbitanten Größenangabe, dass der Kraken mehrere Köpfe und Klauen oder Krallen gehabt habe. Dies hört sich weniger unwahrscheinlich an, zieht man in Betracht, dass die damals allerdings unbekannten Kolosskalmare (Mesonychoteuthis hamiltoni) und Humboldt-Kalmare (Dosidicus gigas) krallenbewehrte Saugnäpfe besitzen, im Gegensatz zu den Riesenkalmaren. Beide sind jedoch in norwegischen Gewässern nicht heimisch.

Egede beschreibt außerdem die Begegnung mit einer Seeschlange (vgl. auch: Henry Lee, 1885, S. 65). Egede schrieb in seinem Journal der Missionen Grönlands:

 
Das Bild einer Seeschlange, wie Egede 1734 über sie berichtet hat.
Rechts: Lees Interpretation, was Egede möglicherweise gesehen
haben könnte. Quelle: Henry Lee (1883).  Bild vergrößern!
   
"Am 6. Juli 1734 erschien ein sehr großes und riesiges Seemonster, das sich so weit aus dem Meere reckte, dass sein Kopf über unserer Mastspitze aufragte. Es hatte eine lange, scharfe Schnauze, blies Wasser, als wie ein Wal, und es hatte sehr breite Flossen. Sein Körper schien von Schuppen bedeckt zu sein, seine Haut war uneben und runzlig und der untere Teil des Körpers war geformt wie der einer Schlange. Nach einiger Zeit stürzte die Kreatur sich wieder zurück ins Wasser und erhob dann sein Schwanzende aus den Fluten, eine volle Schiffslänge vom Kopf entfernt. Am folgenden Abend hatten wir sehr schlechtes Wetter."

Henry Lee, der Hans Egede für grundsätzlich wahrhaftig und ehrlich hält, gibt dabei zu bedenken, dass Egede die Kreatur, die er nie zuvor gesehen hatte, und die er auch nur für wenige Momente sah, so gut beschrieben habe, wie er es eben vermochte und dass er eher den Eindruck beschrieben hätte, die das Tier bei ihm hinterlassen habe, als das Tier selbst.

Aus einer Abbildung, die von Egede übernommen wurde und in der Folgezeit immer wieder in Veröffentlichungen auftauchte, schloss Henry Lee über hundert Jahre später jedoch, es könnte sich um einen Riesenkalmar gehandelt haben. Bei großen Kalmaren kann man oft sehen, dass gefangene Tiere versuchen, sich durch Wasserspritzen aus dem Sipho gegen die Angreifer zur Wehr zu setzen.


Erik Pontoppidan der Jüngere, erste Hälfte des 18.
Jahrhunderts. (Quelle). 
 
In "Versuch einer natürlichen Historie von Norwegen" (Kapitel 8, § 11, Seite 394 ff.) schreibt der dänisch-norwegische Bischof Erik Pontoppidan (der Jüngere) 1753 vom Kraken als "dem größten bekannten Meerestier" (zusammengefasst):

Nach den Berichten norwegischer Fischer halte sich der Kraken bevorzugt in Tiefen von etwa 80 Faden (rund 150 m) auf. Seine gewaltige Größe sei so außergewöhnlich, dass sein Rücken wie eine kleine Insel aus dem Meer aufrage. Pontoppidan schätzte dessen Umfang auf bis zu anderthalb norwegische Meilen. Wenn der Kraken zur Wasseroberfläche aufsteige, würden die Fischer ihn zunächst für eine Insel halten. Seine zahlreichen Arme oder "Hörner" sollten Schiffe umschlingen und in die Tiefe ziehen können ("selbst die größten Orlogschiffe" oder Kriegsschiffe). Gleichzeitig schrieb Pontoppidan dem Tier eine große Bedeutung für die Fischerei zu: Um den Kraken herum würden sich zahlreiche Fische sammeln, weshalb erfahrene Fischer solche Stellen gezielt aufsuchten. Andererseits sei unter den Fischern der Spruch üblich: "Du musst auf dem Kraken gefischt haben!", wenn ein sonst eher unfähiger Fischer plötzlich einen ungewöhnlich großen Fang zurück bringt. Pontoppidan berichtet auch dass in Ulvangen ein junger Kraken sich in die Bucht verirrt habe und dort verendet sei. Er habe sich auf den Armen "wie eine Schnecke kriechend" am Boden fortbewegt.

Besonders bemerkenswert ist Pontoppidans Schilderung des Verschwindens des Kraken. Tauche das Tier wieder in die Tiefe ab, entstünden starke Strömungen und Wirbel, die für Schiffe gefährlich werden könnten. Diese Vorstellung erinnert an ältere Legenden von Meeresstrudeln und Seeungeheuern, wie sie auch Olaus Magnus auf der Carta Marina dargestellt hatte und wie sie schlussendlich auch die antike Legende von Skylla und Charybdis (vgl. Die Antike) beschreibt.

Aus heutiger Sicht gelten die Größenangaben Pontoppidans als stark übertrieben. Er selbst bezeichnet Olaus Magnus als "leichtgläubig" und beurteilt ähnliche Berichte von diesem als "Fabel und Erdichtung", verweist allerdings auch auf Plinius' Bericht über den Kraken in dessen "Naturalis Historia". Dennoch wird vermutet, dass seinen Beschreibungen reale Beobachtungen großer Kopffüßer, möglicherweise Riesenkalmare, zugrunde gelegen haben könnten, die durch Seemannsgarn und jahrhundertelange mündliche Überlieferung ausgeschmückt wurden. Seine Beschreibung eines jungen Kraken ähnelt eher der eines echten Oktopus, allerdings gibt es keinen, der annähernd die beschriebene Größe erreichen würde. Außerdem könnten auch hier Schilderungen unterschiedlicher Phänomene zusammenkommen, etwa eine große schwimmende Tangansammlung nahe der Wasseroberfläche (die zudem den ebenfalls beschriebenen üblen Geruch erklären könnte) und die Sichtung eines Riesenkalmars (der ebenfalls durch einen üblen Geruch auffallen könnte). Zusätzlich ist der Talboden der eiszeitlich entstandenen Fjorde Norwegens teilweise sehr ungleichmäßig tief. Starke, plötzlich auftretende Tiefenunterschiede sind also sehr wohl möglich.

  Erik Pontoppidan: "Versuch einer natürlichen Historie von Norwegen", Deutsche Ausgabe von 1754 (Google Books).
Real Stories DE: Der Riesenkrake: Gibt es ihn wirklich? ( YouTube Video).
Wikipedia): Riesenkraken (Mythologie).

Neuzeit bis frühe Moderne

Von Pierre Dénys de Montfort zu Herman Melville, Victor Hugo und Jules Verne.

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"Le Poulpe Colossal" von P.D. de Montfort, 1802,
nach einem Gemälde in St. Malo. (Quelle).
 
1758 hatte Carl v. Linné (Carolus Linnaeus) sein "Systema Naturae" veröffentlicht, auf das die heutige biologische Systematik in wesentlichen Teilen zurück geht. Zuvor schon hatten Tiere auf Latein und Griechisch, den linguae francae der Wissenschaft, Namen erhalten. So erwähnt Olaus Magnus auf der Carta Marina beispielsweise Physeter, den Pottwal, und andere Tiere und besonders Conrad Gesner, der auch als "Vater der Zoologie" bezeichnet wird, hatte versucht, die Tiere, die Olaus Magnus beschrieben hatte, zu klassifizieren.

Von 1801 bis 1804 verfasste der französische Naturwissenschaftler Pierre Dénys de Montfort (1766 - 1821) sein Werk "Histoire naturelle, générale et particulière des mollusques, animaux sans vertèbres et à sang blanc" (Allgemeine und spezielle Naturgeschichte der Mollusken, wirbellosen und weißblütigen Tiere). Während der 2. Band seines Oeuvres zu seiner Zeit bahnbrechend auf dem Gebiet der Weichtierkunde war, wurde sein Beitrag zur Biologie des "Poulpe Colossal" oder "Poulpe Kraken" (Riesenkraken) von seinen Zeitgenossen, wie der Nachwelt sehr kontrovers diskutiert.

So schrieb er mit großer wissenschaftlicher Exaktheit über mehrere auch heute noch bekannte Arten von Sepien, Kalmaren und Kraken, denn er hatte den Auftrag erhalten, das Werk des berühmten Buffon in Hinblick auf die Mollusken zu überarbeiten. Am Ende des Kapitels über die Kraken berichtet er ab Band 2, Seite 256 vom Riesenpolypen. Gleich zu Anfang gibt er zu dass "die Tathsachen, die ich beibringen muss, manchen Menschen so befremdend, ja unerhört erscheinen (werden), daß sie sich trotz der Authenticität derselben, doch nur allmählich oder vielleicht ungern entschließen werden, sie gelten zu lassen.", eine Aussage, die sich als prophetisch herausstellen sollte.

De Montfort beginnt seinen Bericht vom "Poulpe Colossal" dann mit der Schilderung eines Zwischenfalles, der sich vor der Küste Angolas zugetragen habe, als ein Schiff aus St. Malo von einem Riesenkraken angegriffen worden sie, worauf sich die Seeleute mit der Waffe in der Hand des Kraken erwehrt hätten und sich schließlich wohlbehalten auf den Rückweg machen konnten. Ein Gemälde ihrer Begegnung mit dem Riesenkraken wurde anschließend in der Kirche von St. Thomas angebracht. De Montfort nimmt außerdem Bezug auf Plinius' Schilderung aus Carteia in Spanien (vgl. Antike). Seine Ansicht, es müsse so ein Tier geben, begründete er unter anderem mit dem Verschwinden mehrere Schiffe unter ungeklärten Umständen, die nach seiner Einschätzung weniger Glück gehabt hätten als das Schiff aus St. Malo.

Seine Zeitgenossen begegneten diesen Vorstellungen überwiegend mit Skepsis. Besonders nachdem Montfort behauptet hatte, eine britische Flotte sei durch einen gigantischen Kraken vernichtet worden, geriet er in wissenschaftliche Kritik und wurde vielfach verspottet. Im Laufe des 19. Jahrhunderts galt er daher lange als Beispiel für übertriebene Spekulation in der Naturgeschichte. Rückblickend fällt die Bewertung jedoch differenzierter aus. Zwar sind Montforts Vorstellungen von Kraken, die große Segelschiffe versenken, nach heutigem Wissen unrealistisch: Einerseits sind bis heute keine Kraken entdeckt worden, die diesen Schilderungen auch nur annähernd gerecht werden würden: Die größte bekannte Krakenart ist immerhin der Pazifische Riesenkrake (Enteroctopus dofleini) von der amerikanischen Westküste, der bis zu 9 m Spannweite erreichen kann, während seine Verwandten aus anderen Teilen der Welt deutlich kleiner sind.

Was man de Montfort jedoch ankreiden muss ist, dass er das Tier mit wissenschaftlichem Anspruch eindeutig als Kraken, nicht als Kalmar, beschreibt, die er im Buch auch von den Sepien ganz klar trennt. Auch wenn seine grundlegende Annahme, dass es riesenhafte Kopffüßer gibt, grundsätzlich nicht falsch ist, wie sich nur Jahrzehnte später herausstellen sollte, macht er den Fehler, den Riesenkraken nicht als unbewiesene Theorie darzustellen, im Gegensatz zu anderen Kopffüßern, die er beschrieben und auch selbst anatomisch untersucht hatte. Pierre Dénys de Montfort ist ein gutes Beispiel dafür, dass zwar zu Beginn des 19. Jahrhunderts wissenschaftliche Untersuchungsmethoden begonnen hatten Einzug zu halten, Mythen und Seemannsgarn jedoch nach wie vor präsent blieben.

Wikipedia (Französisch): Pierre Dénys de Montfort.
Pierre Dénys de Montfort: "Allgemeine und besondere Naturgeschichte der Weichwürmer (Mollusques)", Band 2, S. 153 ff. Ed. C. Ph. Funke, 1804, Biodiversity Library.
Pierre Dénys de Montfort: "Histoire naturelle, générale et particulière des mollusques", Band II, S. 256 ff. 1802, Biodiversity Library.

In den Jahrzehnten, die auf de Montforts Arbeit folgten, verschwand der Riesenkrake aus dem menschlichen Bewusstsein. Nahezu jeder von Rang und Namen ging davon aus, dass es ein solches Tier in Wirklichkeit nicht gab.

 
Links: Herman Melville (1860), Photograph unbekannt. Rechts: Abbildung aus "Moby Dick" (1890).
Bild: Augustus Burnham Shute.
Auch der Autor Herman Melville (1819 - 1891) behandelt den Riesenkalmar zwar in seinem Roman "Moby Dick" (1851). Er verwebt darin allerdings naturkundliche Beobachtungen, Walfänger-Anekdoten und die europäische Mythologie. Melville spekuliert, dass die Legenden des sagenumwobenen "Kraken" (beschrieben von Pontoppidan) in der Realität auf Sichtungen von Riesenkalmaren beruhen. Er ordnet sie den Kopffüßern zu, allerdings als "den Anak (Riesen) des Stammes".

Im Besonderen beschreibt er den Riesenkalmar als Hauptnahrungsquelle für den Pottwal: Er berichtet, dass fliehende Pottwale im Todeskampf oft abgerissene Fangarme auswürgen, die bis zu 20 oder 30 Fuß lang sein können. Die Zähne des Pottwals seien demnach genau dafür da, diese riesige Beute anzugreifen und zu zerreißen.

Für die Seeleute der "Pequod" war die Sichtung eines Riesenkalmars jedoch ein schlechtes Omen. Der Steuermann Starbuck äußert im Buch, dass nur wenige Walfangschiffe, die Zeuge dieses "weißen Gespensts" werden, jemals wieder in den Hafen zurückkehren. Da zur Zeit der Drucklegung des Buches kaum echte wissenschaftliche Daten existierten, nutzte Melville den Riesenkalmar außerdem als Sinnbild, um die Geheimnisse und Gefahren der unergründlichen Tiefsee zu symbolisieren.

Lit2Go: Herman Melville: "Moby Dick", Kapitel 59: "Squid".

Zwar war 1854 in Dänemark ein Riesenkalmar angespült worden, ein Großteil des Tieres wurde jedoch von Fischern zu Köder verarbeitet. Ein Teil des Hornschnabels wurde jedoch aufgehoben, das immerhin über 20 cm lang war. Der dänische Naturwissenschaftler Japetus Steenstrup beschrieb danach als Architeuthis dux, jedoch wurde er von vielen Forschern nicht ernst genommen, nachdem das Material, das ihm beweisbar zur Verfügung stand, so spärlich war. Einige Jahre später wurde auf den Shetland-Inseln ein weiterer Riesenkalmar angespült, allerdings war das Tier schon so stark zerstört, dass nur noch Messungen vorgenommen werden konnten: Die kurzen Arme waren 2,5 m lang, die langen 5 m.

Was jedoch nicht geschah, war dass die Verbindung zum Kraken der Mythen und Legenden gezogen wurde, zumal dieser im Allgemein eher einem Oktopus ähnliches, wenn nicht, wie bei Pontoppidan, als vollständig mythisches Wesen dargestellt wurde.

Bis jedoch die französische Korvette (Henry Lee bezeichnet sie als "dispatch steamer") Alecton 1860 bei der Rückkehr in den Hafen einen Bericht ablieferte. Im November des selben Jahres sei sie vor Teneriffa einem großen Tier begegnet, das an der Wasseroberfläche trieb. Sein Körper war etwa 6 m lang, seine Fangarme möglicherweise etwas länger. Das Wesen hatte eine ziegelrote Farbe und schwarze Augen, 25 - 30 cm im Durchmesser. Der Kapitän der Alecton entschloss sich, auf das Tier das Feuer eröffnen zu lassen. Die Kugeln, ebenso wenig wie die Harpunen schienen jedoch nur wenig Erfolg zu haben bis schließlich eine Kugel offenbar ein wichtiges Organ traf, worauf das Tier seinen furchtbar stinkenden Mageninhalt erbrach. Den Seeleuten gelang es, eine Seilschlinge um den Schwanz des Tiers zu werfen. Leider riss das Schwanzende aber ab und das Tier verschwand in der Tiefe. Das Schwanzende  mit den beiden Flossen wurde zurück nach Teneriffa gebracht und der dortige Konsul Berthelot, sandte einen Bericht mit den Messungen und einer Abbildung an die Akademie der Wissenschaften in Paris. Der Körper des Tieres wurde auf 16 - 18 Fuß (5,3 - 6 m) geschätzt, die Fangarme nicht eingerechnet.

Der Octopus aus "Les Travailleurs de la Mer" Victor Hugo, 1876
Links: Der Oktopus aus "Les Travailleurs de la Mer", Victor Hugo (1866). (Quelle).
Rechts: Victor Hugo, 1876, Photographie von Étienne Carjat. (Quelle).
 
Nur wenige Jahre später veröffentlichte Victor Hugo (1802 - 1885) seinen Roman "Les Travailleurs de la Mer". Dieser spielt um 1820 auf der auf der Kanalinsel Guernsey und der Protagonist, Gillliat, soll die Maschine des havarierten Schiffes Durande retten und kämpft dafür gegen die Naturgewalten des Meeres unter anderem einen riesigen Kraken. Victor Hugo lebte zu jener Zeit selbst auf Guernsey, da er sich im Exil vom Regime des französischen Kaisers Napoleon III. befand, und malte eigenhändig eine Tuschezeichnung von dem Oktopus; die Szene, in der Gilliat gegen den Kraken kämpft, wurde auch von Joseph Carlier in einer Statue verewigt, die sich heute im Musée des Beaux Arts in Lyon befindet.

Der Krake bei Hugo ist allerdings gar nicht zoologisch zu verstehen, er beschreibt ihn vielmehr als eine Art Verkörperung des Schreckens. Einige seiner Beschreibungen sind geradezu albtraumhaft: Der Krake ist lautlos, intelligent, unaufhaltsam, würgend und besitzt Saugnäpfe, die sich festsetzen: Er wird fast zu einem dämonischen Wesen, da Victor Hugo alles ins Monströse steigert.

Wikipedia: Victor Hugo, Die Arbeiter des Meeres.
Wikipedia: Joseph Carlier: Gilliat und der Oktopus.

Von der Begegnung der Alecton mit dem Riesenkalmar hatte in Paris auch der Autor Jules Verne (1828 - 1905) erfahren, und als er 1869 seinen Roman "20.000 Meilen unter den Meeren" schrieb, ließ er den Bericht nahezu vollständig in eine Unterhaltung zwischen dem Professor Arronax, seinem Gehilfen und dem kanadischen Harpunier Ned Land einfließen.

   
Aus Jules Vernes "20000 Meilen unter den Meeren". Links: Der Kampf der Alecton mit einem Riesen-
kalmar. Rechts: Kapitän Nemo betrachtet einen Riesenkraken. Quelle: Andreas Fehrmann.
Obwohl das Kapitel in der deutschen Fassung "Der Angriff der Kraken" heißt, sprechen sowohl die Schilderungen der Mannschaft der Alecton, als auch die zeitgenössischen Illustrationen aus Jules Vernes Roman für einen Riesenkalmar, nicht für einen Kraken. In besonderem Maße spricht dafür die Tatsache, dass der Kopffüßer auf dem Bild Schwanzflossen hat. Kraken haben niemals Schwanzflossen.

Jedoch wird auf keinem Bild einer der charakteristischen langen Tentakel gezeigt, und das Tier, das sich vor dem Bullauge der Nautilus präsentiert, sieht hingegen einem Kraken erheblich ähnlicher, als einem Kalmar. In manchen Schilderungen des Ereignisses wird allerdings auch erwähnt, dass dem Tier die langen Fangarme gefehlt hätten, was durchaus manchmal vorkommen kann, zum Beispiel wenn es gerade einen Kampf hinter sich hatte. Dies ist zusätzlich der Hauptgrund, warum Riesenkalmare überhaupt an die Oberfläche kommen: Wenn sie einen Kampf hinter sich hatten und verletzt sind.

Andreas Fehrmann: Jules Vernes "Voyages Extraordinaires".
Wikipedia: 20.000 Meilen unter dem Meer (Roman).

Professor Arronax untersucht die ungeklärten Havarien mehrerer Schiffe, die zwischen 1866 und 1867 auf allen Weltmeeren stattfinden. Im Verlauf der Geschichte begegnet er dem undurchsichtigen Kapitän Nemo, der mit seinem für damalige Verhältnisse futuristischen U-Boot Nautilus die Weltmeere bereist. Wie viele andere U-Boote im Verlauf der Zeit erhielt die Nautilus nach dem Namen des Perlboots (Nautilus pompilius), eines Kopffüßers, der aufgrund seiner gekammerten äußeren Schale die Kunst des Tauchens perfektioniert hat.

Im Verlaufe des Romans bestehen die drei an Bord der Nautilus zahlreiche Abenteuer und so müssen sie unter anderem gegen einen Riesenkraken kämpfen. Ebenso sind sie an Bord, als Kapitän Nemo mit seiner Nautilus als erster Mensch den Südpol erreicht: Heute mag es verwunderlich anmuten, jedoch war damals noch nicht bekannt, dass im Gegensatz zum Nordpol der Südpol der Erde sich auf der Landmasse eines Kontinents, Antarktika, befindet. Was Jules Verne nicht ahnen konnte: 1958, etwas mehr als 50 Jahre nach seinem Tod, war es tatsächlich ein (allerdings amerikanisches) U-Boot namens Nautilus, das als erstes unter Wasser zumindest den Nordpol erreichte.

Während der Reise geraten sie mehrfach in gefährliche Situationen, aus denen sie durch die Nautilus gerettet werden. Wie viele Bücher Jules Vernes ist der Roman ein Klassiker der industriellen Revolution und beschreibt den Sieg der Technik über die Natur. Andererseits aber weist er in der erzählten Biographie Nemos und der Handlung bzw. den Dialogen immer wieder auch auf die Gefahr hin, wenn technische Macht ohne moralische Verantwortung eingesetzt wird.

Zusammengefasst sind natürlich weder Victor Hugos Roman, ebenso wenig wie der Jules Vernes, wissenschaftliche Veröffentlichungen. Dennoch zeigen sie sehr gut, dass die Legende vom Riesenkraken, selbst wenn es sich schlussendlich dann doch als Riesenkalmar herausstellte, durchaus noch im kulturellen Gedächtnis präsent war, auch wenn von Seiten der Wissenschaft solche Berichte als Unsinn abgestempelt wurden. Das hat sich bis zum gewissen Grade bis heute nicht geändert, jedoch sollten weitere Entdeckungen die wissenschaftliche Sichtweise zum Thema "Riesige Kopffüßer" in den folgenden Jahren deutlich ändern.

PBS Storied: Release the Kraken! Origins of the Legendary Sea Monster. ( YouTube Video).

Zwischen Legende und Wissenschaft

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Riesenkalmar (Architeuthis dux): KI-Illustration: Robert Nordsieck.
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1857 hatte der dänische Naturwissenschaftler Japetus Steenstrup den Riesenkalmar bereits nach Teilen eines in Dänemark angeschwemmten Tiers (s.o.) als Architeuthis dux Steenstrup, 1857 beschrieben. Fast 20 Jahre später, 1873 begegneten Fischer in der Conception Bay an der Küste Neufundlands tatsächlich einem lebenden Riesenkalmar. Nach einer kurzen Auseinandersetzung, in deren Verlauf dem Kalmar ein Arm abgehackt wurde, verschwand das Tier in der Tiefe. Bevor der auf Neufundland ansässige Reverend M. Harvey den Arm zu Gesicht bekommen konnte, war auch dieser zu Köder verarbeitet worden.

Etwas später hatte Harvey jedoch mehr Glück: Wenige Wochen nach dem Ereignis in der Conception Bay fanden Fischer ein etwas kleineres Exemplar, das sich in ihrem Netz verfangen hatte. Diesmal gelang es ihnen, den ganzen Körper sicherzustellen, auch wenn sie den Kopf abtrennen mussten. Harvey erhielt das ganze Tier und es wurde sogar ein Photo aufgenommen. Es wurde vermessen und Prof. Verill vom damaligen Yale College in Connecticut bestimmte es, ebenso wie das zuvor gefundene, als Architeuthis dux (vgl. H. Lee, S. 41 ff.). Seither sind zahlreiche angeschwemmte Exemplare des Riesenkalmars dokumentiert worden, eines der letzten 2022 in Südafrika (Link). Dennoch dauerte es immerhin bis 2005, bis mit einer Unterwasserkamera die ersten Bilder eines lebenden Riesenkalmars von Tsunemi Kubodera et al. aufgenommen werden konnten.


Der Autor im Gespräch mit Plinius, Conrad Gesner und Jules Verne.
KI-Illustration: Robert Nordsieck. Bild vergrößern!
 
Eine andere Art riesiger Kopffüßer war zwar bereits seit den 1920er Jahren bekannt, aber nur in Form von den Überresten der Schnäbel in den Mägen erlegter Pottwale. Ähnlich, wie fast hundert Jahre zuvor Steenstrup, entschied sich diesmal Robson, eine neue Art trotz der spärlichen Beweislage zu beschreiben: Den Kolosskalmar (Mesonychoteuthis hamiltoni Robson, 1925). Und auch bei diesem dauerte es bis 2005, bis zum ersten Mal ein lebendes Exemplar gefangen wurde.

Eine weitere große Kalmar-Art ist der Humboldt-Kalmar (Dosidicus gigas), der entlang der süd- und mittelamerikanischen Westküste bis nach Baja California vorkommt. Dieser wird zwar nur etwa 2 m groß, aber er ist der einzige der drei großen Arten der tatsächlich manchmal Menschen angreift, entweder weil er sich, oftmals durch die hellen Lichter der Taucher, belästigt fühlt, angegriffen wird, oder den Menschen mit einem Beutetier verwechselt.

Zusammenfassend muss man sagen, obwohl wir heute natürlich um vieles mehr wissen, als zu den Zeiten von Conrad Gesner, Erik Pontoppidan oder Herman Melville, so wissen wir doch dennoch nicht einmal annähernd alles. Zum Teil stellte sich ja erst in jüngster Zeit heraus, dass manche dieser Geschichten und Legenden, wenn auch manchmal mit einiger Interpretation, sich sehr wohl als wahr, oder zumindest auf wahren Begebenheiten beruhend, entpuppen können. Als Henry Lee 1883 versuchte, die Legenden von Kraken und Seeschlangen zoologisch zu erklären, verfügte er nur über wenige Hinweise und zahlreiche Berichte. Heute wissen wir, dass einige seiner Vermutungen überraschend nahe an der Wahrheit lagen.

Immerhin gehört auch heute noch der Ozean zu den letzten großen Geheimnissen unserer Welt, selbst mit all den technischen Errungenschaften, die uns heute zur Verfügung stehen. Man könnte, trotz allem technologischen Fortschritt, der uns dahin gebracht hat, wo wir heute sind, die bis heute weitgehend unerforschten Regionen der Tiefsee gut mit dem Weltraum vergleichen.

   
Und so bleiben - auch heute noch - in der Tiefe der See wahrlich Orte, "die nie ein Mensch je zuvor gesehen hat".

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Letzte Änderung: 28.06.2026 (Robert Nordsieck).
Letzte Link-Überprüfung: 18.06.2026.