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Kopffüßer in Mythen und LegendenVormals: "Die Legende vom Riesenkraken". |
![]() Ein Kraken greift ein Segelschiff an, nach Vorbild von Olaus Magnus und Conrad Gesner. KI-Illustration: Robert Nordsieck. |
| Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 |
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In jeder Legende, heißt es, sei ein Korn Wahrheit. In der Legende vom Riesenkraken ist, wie wir heute wissen, mehr als nur ein Korn Wahrheit. Andererseits ist aber auch ein gerüttelt Maß Unwissenheit in den Zutaten zu den meisten Schauergeschichten von vielarmigen Seemonstern, die unachtsame Seeleute in den Tiefen des Meeres erwarten.
Eines ist sicher - das Meer mit seinen unerforschten Tiefen, so nah es uns auch sein mag, ist uns dennoch auf eine gewisse Art und Weise ferner als der Weltraum. Die Lebewesen, die in der Tiefsee zu Hause sind, kennen wir oftmals nur aus dem Fang der Tiefseefischerei und dann nie lebendig, da die an den hohen Wasserdruck der Tiefsee gewöhnten Tiere in geringeren Wassertiefen ebenso jämmerlich zugrunde gehen, wie wir, wenn wir ohne die schützende Hülle der Taucherglocke versuchen würden, diese Tiefen zu erreichen.
Für wen also halten wir uns, dass wir über Gelehrte aus der Renaissance urteilen, die gerade erst erfahren hatten, dass es einen ganzen Kontinent im Westen gibt, den niemand kannte, wenn sie weder wissen noch verstehen, was in der Tiefsee lebt? Wirklich wissen tun wir das eigentlich auch nicht.
![]() Herakles kämpft gegen die Lernäische Hydra. KI-Illustration: Robert Nordsieck. |
Lässt man die literarische oder legendäre Komponente außer Acht, so erinnert den Kundigen diese Beschreibung entfernt an einen Kraken, der ebenso wie die Skylla mit dem Hinterleib in einer Felsspalte versteckt bleibt und nur mit den Fangarmen in das umgebende Wasser hinausreicht, um sich Nahrung zu verschaffen. Im Gegensatz zur Skylla sind die zu Homers Zeiten in seinen griechischen Heimatgewässern vorkommenden Kraken im Maximalfalle einen Meter groß und keineswegs so groß, dass sie ein Schiff oder seine Insassen bedrohen könnten. Andererseits ist die Skylla vermutlich nicht nur ein Wesen, sondern ein Konglomerat aus unterschiedlichen Gefahren, vor denen antike Seefahrer sich hüten müssen.
![]() Gaius Plinius Secundus (der Ältere), 23/24 - 79 v. Chr. Bild: Cesare Cantù, 1859 (Quelle). |
Einige Jahrhunderte nach Homers Zeit beschrieb Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) den Polypen. Damit meinte er mit dem griechischen πολύπους (polýpous), also "Vielfüßer" aber den Kraken, den man heute mit einem anderen griechischen Ausdruck, nämlich ὀκτώπους (oktṓpous), also Achtfüßer, bezeichnet. Der französische Gelehrte René-Antoine Ferchault de Réaumur schrieb den Begriff des Polypen 1742 den Nesseltieren (Cnidaria) zu, und so wird er auch größtenteils heute noch verwendet.
Kurz nach der Zeitenwende wurde die Naturalis Historia des römischen Gelehrten Plinius des Älteren 79 n.Chr. posthum veröffentlicht (Plinius war beim Ausbruch des Vesuvs umgekommen). Darin beschreibt er beispielsweise, wie ein riesenhafter "Polyp" (er übernahm den Begriff von Aristoteles) mit zehn Meter langen Armen in Carteia (in der Nähe des heutigen Algeciraz) in Spanien die nahe der Küste gelegenen Fischteiche geplündert habe. Die Wachen töteten das "Ungeheuer", das darauf einen äußerst unangenehmen Geruch verbreitet habe.
Auch dies erinnert den zuvor erwähnten Kundigen an einen Riesenkalmar (Architeuthis dux), der zum einen diese Größe erreichen kann und zum anderen Ammoniumsulfat im Gewebe anreichert, um den Auftrieb im Wasser zu unterstützen. Auch moderne Wissenschaftler haben sich über den starken Salmiak-Geruch erlegter Riesenkalmare beklagt, und im Bereich der iberischen Halbinsel wurde auch in moderner Zeit schon bereits mehrfach über angeschwemmte Riesenkalmare berichtet.
Der Begriff Krake oder Kraken hat seine Wurzeln in Skandinavien. Die möglicherweise erste Erwähnung stammt aus der Örvar-Odds Saga. In der altisländischen Vorzeit-Saga, die im späten 13. Jahrhundert niedergeschrieben wurde, entkommt der Held nur knapp einem Kraken, der ihn und sein Schiff zu verschlingen droht.
![]() Carta Marina (1539), Ausschnitt von den Färöer-Inseln. Bild: Olaus Magnus (Quelle). |
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![]() Carta Marina (1539), Ausschnitt von der Küste Norwegens. Bild: Olaus Magnus (Quelle). |
![]() Meerwunder und seltzame Thier: Sebastian Münster, Cosmographia, 1544 (Quelle). |
Olaus Magnus: "Historia
de Gentibus Septentrionalibus" (1555): Project Runeberg.
Albers, Madelief,
Nyholt, Sanna: "Olaus
Magnus' Monstrous Creatures". Digitale Ausstellung der University of Groningen
Library, 2026.
Die Carta Marina von Olaus Magnus (1539) deutet hier aber schon auf die Problematik hin, dass die Karte, die zwar für das 16. Jahrhundert genau und detailliert sein sollte, jedoch auch die Aufgabe hatte, die Seeleute vor allfälligen Gefahren zu warnen. Die Schilderungen der Seeleute, auf denen auch Magnus' Beschreibungen in seiner Buchreihe fußten, mögen oftmals sehr erfindungsreich gewesen sein, so dass möglicherweise wahre Beobachtungen und Phantasie ineinanderflossen. Im Besonderen hatte Olaus Magnus auf der Karte nicht nur mythische Seemonster, sondern sehr wohl auch durchaus real existierende Tiere dargestellt, darunter Wale, Schwertwale, Walrosse und Robben.
Einige Rückschlüsse mögen aber dennoch zulässig sein: Olaus Magnus hatte offensichtlich den Wunsch, neben naturhistorischer Beobachtung auch die Kultur der skandinavischen Völker einfließen zu lassen. Dass er das Tier als Kraken bezeichnete, muss nicht zwingend bedeuten, dass es sich tatsächlich um einen solchen gehandelt habe. Für einen Riesenkalmar (Architeuthis dux) wären die gelieferten Größenangaben durchaus vertretbar, zumal wenn man noch einen Prozentsatz an erzählerischer Freizügigkeit einrechnet. Auch die rote Farbe, auch wenn sie vielleicht nicht gerade tiefrot ist, ist vor diesem Hintergrund durchaus nachvollziehbar, da zum einen Riesenkalmare normalerweise rot gefärbt sind, weil das in der Tiefsee die beste Tarnung darstellt. Andererseits nehmen viele Kopffüßer eine rötliche Farbe an, wenn sie gestresst oder aggressiv sind. Zusätzlich ist es sehr wohl auch in moderner Zeit etwa auf den britischen Inseln zu Anschwemmungen von Riesenkalmaren gekommen.
Andererseits liefert auch Henry Lee 1883 in "Sea Fables Explained" (vgl. Literatur) für die Seeschlange, die Olaus Magnus ebenfalls schildert (im Bild links rot zu erkennen), die mögliche Interpretation als einen Fangarm eines Riesenkalmars. Auch hier wäre die rote Farbe nicht abwegig. Andererseits wurde Lee aber kurz nach Veröffentlichung seines Buches von dem niederländischen Autor Oudemans auch dafür kritisiert, dass Olaus Magnus ausdrücklich eine Seeschlange gemeint habe, gibt aber kurz darauf zu, dass viele Sichtungen von "Seeschlangen" vermutlich große Robben gewesen seien.
Die Carta Marina oder Auszüge daraus, ebenso wie die "Historia de Gentibus Septentrionalibus", wurden von vielen Zeitgenossen Olaus Magnus' zitiert oder weiter verwendet, so zum Beispiel dem deutschen Universalgelehrten und Kosmographen Sebastian Münster (1489 - 1552), der "Meerwunder und seltzame Thier, wie die in den mitternächtigen Ländern und auff dem Lande gefunden werden" auf einer Abbildung in seiner berühmten Cosmographia aus dem Jahre 1544 darstellt.
Nigg, Joseph: "Olaus'
Magnus' Sea Serpent". The Public Domain
Review, 2014.
Wikipedia:
Cosmographia (Sebastian Münster).
Ebenso wie seine Carta Marina wurde auch Olaus Magnus' "Geschichte der nordischen Völker" vielfach von Zeitgenossen und Nachfahren zitiert und für ihr Werk weiter verwendet.
![]() Conrad Gesner (1516 - 1565): Schweizerischer Naturforscher. Bild: Jules Pizzetta (1895), (Quelle). |
![]() Seeschlange, nach Olaus Magnus. Bild: Conrad Gesner (1558), Vol. 4, S. 93. (Quelle). |
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Gesner, Conrad: Historia animalium liber IIII. qui est de piscium et aquatilium animantium natura. Christoph Froschauer, Zürich 1558 (Zentralbibliothek Zürich). |
Schlussendlich muss man solche Berichte natürlich auch im Verständnis der damaligen Zeit sehen: In der Renaissance erhielten viele Gelehrte erstmals Zugriff auf die antike Literatur. Neue Entdeckungen (1495 hatte Columbus Amerika entdeckt) sorgten für eine große Menge neuer Lebewesen, die in Europa niemand jemals zuvor gesehen hatte. Die Gelehrten der frühen Renaissance hatten keine Möglichkeit, abzuschätzen, ob der Bericht eines Fischers, selbst in Anbetracht der sprichwörtlichen Neigung von Seeleuten zur Übertreibung und zur Ausschmückung, wahr war oder ins Reich der Phantasie gehörte.
Berichte über Sichtungen von Kraken in skandinavischen Gewässern sollten jedoch nicht enden und, wenn überhaupt, an phantastischer Beschreibung nur noch zunehmen. So haben in den folgenden Jahrhunderten nach Olaus Magnus weitere skandinavische Naturforscher vom Kraken berichtet, wie zum Beispiel zu Beginn des 18. Jahrhunderts Hans Egede, der "Apostel Grönlands".
Hans Egede war wohl einer der ersten, der den Begriff Kraken aus dem Norwegischen prägte. Besonders ist neben seiner exorbitanten Größenangabe, dass der Kraken mehrere Köpfe und Klauen oder Krallen gehabt habe. Dies hört sich weniger unwahrscheinlich an, zieht man in Betracht, dass die damals allerdings unbekannten Kolosskalmare (Mesonychoteuthis hamiltoni) und Humboldt-Kalmare (Dosidicus gigas) krallenbewehrte Saugnäpfe besitzen, im Gegensatz zu den Riesenkalmaren. Beide sind jedoch in norwegischen Gewässern nicht heimisch.
Egede beschreibt außerdem die Begegnung mit einer Seeschlange (vgl. auch: Henry Lee, 1885, S. 65). Egede schrieb in seinem Journal der Missionen Grönlands:
![]() Das Bild einer Seeschlange, wie Egede 1734 über sie berichtet hat. Rechts: Lees Interpretation, was Egede möglicherweise gesehen haben könnte. Quelle: Henry Lee (1883). |
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Henry Lee, der Hans Egede für grundsätzlich wahrhaftig und ehrlich hält, gibt dabei zu bedenken, dass Egede die Kreatur, die er nie zuvor gesehen hatte, und die er auch nur für wenige Momente sah, so gut beschrieben habe, wie er es eben vermochte und dass er eher den Eindruck beschrieben hätte, die das Tier bei ihm hinterlassen habe, als das Tier selbst.
Aus einer Abbildung, die von Egede übernommen wurde und in der Folgezeit immer wieder in Veröffentlichungen auftauchte, schloss Henry Lee über hundert Jahre später jedoch, es könnte sich um einen Riesenkalmar gehandelt haben. Bei großen Kalmaren kann man oft sehen, dass gefangene Tiere versuchen, sich durch Wasserspritzen aus dem Sipho gegen die Angreifer zur Wehr zu setzen.
![]() Erik Pontoppidan der Jüngere, erste Hälfte des 18. Jahrhunderts. (Quelle). |
Nach den Berichten norwegischer Fischer halte sich der Kraken bevorzugt in Tiefen von etwa 80 Faden (rund 150 m) auf. Seine gewaltige Größe sei so außergewöhnlich, dass sein Rücken wie eine kleine Insel aus dem Meer aufrage. Pontoppidan schätzte dessen Umfang auf bis zu anderthalb norwegische Meilen. Wenn der Kraken zur Wasseroberfläche aufsteige, würden die Fischer ihn zunächst für eine Insel halten. Seine zahlreichen Arme oder "Hörner" sollten Schiffe umschlingen und in die Tiefe ziehen können ("selbst die größten Orlogschiffe" oder Kriegsschiffe). Gleichzeitig schrieb Pontoppidan dem Tier eine große Bedeutung für die Fischerei zu: Um den Kraken herum würden sich zahlreiche Fische sammeln, weshalb erfahrene Fischer solche Stellen gezielt aufsuchten. Andererseits sei unter den Fischern der Spruch üblich: "Du musst auf dem Kraken gefischt haben!", wenn ein sonst eher unfähiger Fischer plötzlich einen ungewöhnlich großen Fang zurück bringt. Pontoppidan berichtet auch dass in Ulvangen ein junger Kraken sich in die Bucht verirrt habe und dort verendet sei. Er habe sich auf den Armen "wie eine Schnecke kriechend" am Boden fortbewegt.
Besonders bemerkenswert ist Pontoppidans Schilderung des Verschwindens des Kraken. Tauche das Tier wieder in die Tiefe ab, entstünden starke Strömungen und Wirbel, die für Schiffe gefährlich werden könnten. Diese Vorstellung erinnert an ältere Legenden von Meeresstrudeln und Seeungeheuern, wie sie auch Olaus Magnus auf der Carta Marina dargestellt hatte und wie sie schlussendlich auch die antike Legende von Skylla und Charybdis (vgl. Die Antike) beschreibt.
Aus heutiger Sicht gelten die Größenangaben Pontoppidans als stark übertrieben. Er selbst bezeichnet Olaus Magnus als "leichtgläubig" und beurteilt ähnliche Berichte von diesem als "Fabel und Erdichtung", verweist allerdings auch auf Plinius' Bericht über den Kraken in dessen "Naturalis Historia". Dennoch wird vermutet, dass seinen Beschreibungen reale Beobachtungen großer Kopffüßer, möglicherweise Riesenkalmare, zugrunde gelegen haben könnten, die durch Seemannsgarn und jahrhundertelange mündliche Überlieferung ausgeschmückt wurden. Seine Beschreibung eines jungen Kraken ähnelt eher der eines echten Oktopus, allerdings gibt es keinen, der annähernd die beschriebene Größe erreichen würde. Außerdem könnten auch hier Schilderungen unterschiedlicher Phänomene zusammenkommen, etwa eine große schwimmende Tangansammlung nahe der Wasseroberfläche (die zudem den ebenfalls beschriebenen üblen Geruch erklären könnte) und die Sichtung eines Riesenkalmars (der ebenfalls durch einen üblen Geruch auffallen könnte). Zusätzlich ist der Talboden der eiszeitlich entstandenen Fjorde Norwegens teilweise sehr ungleichmäßig tief. Starke, plötzlich auftretende Tiefenunterschiede sind also sehr wohl möglich.
Erik Pontoppidan:
"Versuch
einer natürlichen Historie von Norwegen", Deutsche Ausgabe von 1754 (Google
Books).
Real
Stories DE:
Der Riesenkrake: Gibt es ihn wirklich? (
YouTube Video).
Wikipedia):
Riesenkraken (Mythologie).
![]() "Le Poulpe Colossal" von P.D. de Montfort, 1802, nach einem Gemälde in St. Malo. (Quelle). |
Von 1801 bis 1804 verfasste der französische Naturwissenschaftler Pierre Dénys de Montfort (1766 - 1821) sein Werk "Histoire naturelle, générale et particulière des mollusques, animaux sans vertèbres et à sang blanc" (Allgemeine und spezielle Naturgeschichte der Mollusken, wirbellosen und weißblütigen Tiere). Während der 2. Band seines Oeuvres zu seiner Zeit bahnbrechend auf dem Gebiet der Weichtierkunde war, wurde sein Beitrag zur Biologie des "Poulpe Colossal" oder "Poulpe Kraken" (Riesenkraken) von seinen Zeitgenossen, wie der Nachwelt sehr kontrovers diskutiert.
So schrieb er mit großer wissenschaftlicher Exaktheit über mehrere auch heute noch bekannte Arten von Sepien, Kalmaren und Kraken, denn er hatte den Auftrag erhalten, das Werk des berühmten Buffon in Hinblick auf die Mollusken zu überarbeiten. Am Ende des Kapitels über die Kraken berichtet er ab Band 2, Seite 256 vom Riesenpolypen. Gleich zu Anfang gibt er zu dass "die Tathsachen, die ich beibringen muss, manchen Menschen so befremdend, ja unerhört erscheinen (werden), daß sie sich trotz der Authenticität derselben, doch nur allmählich oder vielleicht ungern entschließen werden, sie gelten zu lassen.", eine Aussage, die sich als prophetisch herausstellen sollte.
De Montfort beginnt seinen Bericht vom "Poulpe Colossal" dann mit der Schilderung eines Zwischenfalles, der sich vor der Küste Angolas zugetragen habe, als ein Schiff aus St. Malo von einem Riesenkraken angegriffen worden sie, worauf sich die Seeleute mit der Waffe in der Hand des Kraken erwehrt hätten und sich schließlich wohlbehalten auf den Rückweg machen konnten. Ein Gemälde ihrer Begegnung mit dem Riesenkraken wurde anschließend in der Kirche von St. Thomas angebracht. De Montfort nimmt außerdem Bezug auf Plinius' Schilderung aus Carteia in Spanien (vgl. Antike). Seine Ansicht, es müsse so ein Tier geben, begründete er unter anderem mit dem Verschwinden mehrere Schiffe unter ungeklärten Umständen, die nach seiner Einschätzung weniger Glück gehabt hätten als das Schiff aus St. Malo.
Seine Zeitgenossen begegneten diesen Vorstellungen überwiegend mit Skepsis. Besonders nachdem Montfort behauptet hatte, eine britische Flotte sei durch einen gigantischen Kraken vernichtet worden, geriet er in wissenschaftliche Kritik und wurde vielfach verspottet. Im Laufe des 19. Jahrhunderts galt er daher lange als Beispiel für übertriebene Spekulation in der Naturgeschichte. Rückblickend fällt die Bewertung jedoch differenzierter aus. Zwar sind Montforts Vorstellungen von Kraken, die große Segelschiffe versenken, nach heutigem Wissen unrealistisch: Einerseits sind bis heute keine Kraken entdeckt worden, die diesen Schilderungen auch nur annähernd gerecht werden würden: Die größte bekannte Krakenart ist immerhin der Pazifische Riesenkrake (Enteroctopus dofleini) von der amerikanischen Westküste, der bis zu 9 m Spannweite erreichen kann, während seine Verwandten aus anderen Teilen der Welt deutlich kleiner sind.
Was man de Montfort jedoch ankreiden muss ist, dass er das Tier mit wissenschaftlichem Anspruch eindeutig als Kraken, nicht als Kalmar, beschreibt, die er im Buch auch von den Sepien ganz klar trennt. Auch wenn seine grundlegende Annahme, dass es riesenhafte Kopffüßer gibt, grundsätzlich nicht falsch ist, wie sich nur Jahrzehnte später herausstellen sollte, macht er den Fehler, den Riesenkraken nicht als unbewiesene Theorie darzustellen, im Gegensatz zu anderen Kopffüßern, die er beschrieben und auch selbst anatomisch untersucht hatte. Pierre Dénys de Montfort ist ein gutes Beispiel dafür, dass zwar zu Beginn des 19. Jahrhunderts wissenschaftliche Untersuchungsmethoden begonnen hatten Einzug zu halten, Mythen und Seemannsgarn jedoch nach wie vor präsent blieben.
Wikipedia (Französisch):
Pierre Dénys de Montfort.
Pierre Dénys de
Montfort: "Allgemeine
und besondere Naturgeschichte der Weichwürmer (Mollusques)",
Band 2, S. 153 ff.
Ed. C. Ph. Funke, 1804,
Biodiversity
Library.
Pierre
Dénys de Montfort: "Histoire
naturelle, générale et particulière des mollusques", Band II, S. 256
ff. 1802,
Biodiversity
Library.
In den Jahrzehnten, die auf de Montforts Arbeit folgten, verschwand der Riesenkrake aus dem menschlichen Bewusstsein. Nahezu jeder von Rang und Namen ging davon aus, dass es ein solches Tier in Wirklichkeit nicht gab.
![]() Links: Herman Melville (1860), Photograph unbekannt. Rechts: Abbildung aus "Moby Dick" (1890). Bild: Augustus Burnham Shute. |
Im Besonderen beschreibt er den Riesenkalmar als Hauptnahrungsquelle für den Pottwal: Er berichtet, dass fliehende Pottwale im Todeskampf oft abgerissene Fangarme auswürgen, die bis zu 20 oder 30 Fuß lang sein können. Die Zähne des Pottwals seien demnach genau dafür da, diese riesige Beute anzugreifen und zu zerreißen.
Für die Seeleute der "Pequod" war die Sichtung eines Riesenkalmars jedoch ein schlechtes Omen. Der Steuermann Starbuck äußert im Buch, dass nur wenige Walfangschiffe, die Zeuge dieses "weißen Gespensts" werden, jemals wieder in den Hafen zurückkehren. Da zur Zeit der Drucklegung des Buches kaum echte wissenschaftliche Daten existierten, nutzte Melville den Riesenkalmar außerdem als Sinnbild, um die Geheimnisse und Gefahren der unergründlichen Tiefsee zu symbolisieren.
Lit2Go: Herman
Melville: "Moby
Dick", Kapitel 59: "Squid".
Zwar war 1854 in Dänemark ein Riesenkalmar angespült worden, ein Großteil des Tieres wurde jedoch von Fischern zu Köder verarbeitet. Ein Teil des Hornschnabels wurde jedoch aufgehoben, das immerhin über 20 cm lang war. Der dänische Naturwissenschaftler Japetus Steenstrup beschrieb danach als Architeuthis dux, jedoch wurde er von vielen Forschern nicht ernst genommen, nachdem das Material, das ihm beweisbar zur Verfügung stand, so spärlich war. Einige Jahre später wurde auf den Shetland-Inseln ein weiterer Riesenkalmar angespült, allerdings war das Tier schon so stark zerstört, dass nur noch Messungen vorgenommen werden konnten: Die kurzen Arme waren 2,5 m lang, die langen 5 m.
Was jedoch nicht geschah, war dass die Verbindung zum Kraken der Mythen und Legenden gezogen wurde, zumal dieser im Allgemein eher einem Oktopus ähnliches, wenn nicht, wie bei Pontoppidan, als vollständig mythisches Wesen dargestellt wurde.
Bis jedoch die französische Korvette (Henry Lee bezeichnet sie als "dispatch steamer") Alecton 1860 bei der Rückkehr in den Hafen einen Bericht ablieferte. Im November des selben Jahres sei sie vor Teneriffa einem großen Tier begegnet, das an der Wasseroberfläche trieb. Sein Körper war etwa 6 m lang, seine Fangarme möglicherweise etwas länger. Das Wesen hatte eine ziegelrote Farbe und schwarze Augen, 25 - 30 cm im Durchmesser. Der Kapitän der Alecton entschloss sich, auf das Tier das Feuer eröffnen zu lassen. Die Kugeln, ebenso wenig wie die Harpunen schienen jedoch nur wenig Erfolg zu haben bis schließlich eine Kugel offenbar ein wichtiges Organ traf, worauf das Tier seinen furchtbar stinkenden Mageninhalt erbrach. Den Seeleuten gelang es, eine Seilschlinge um den Schwanz des Tiers zu werfen. Leider riss das Schwanzende aber ab und das Tier verschwand in der Tiefe. Das Schwanzende mit den beiden Flossen wurde zurück nach Teneriffa gebracht und der dortige Konsul Berthelot, sandte einen Bericht mit den Messungen und einer Abbildung an die Akademie der Wissenschaften in Paris. Der Körper des Tieres wurde auf 16 - 18 Fuß (5,3 - 6 m) geschätzt, die Fangarme nicht eingerechnet.
![]() Links: Der Oktopus aus "Les Travailleurs de la Mer", Victor Hugo (1866). (Quelle). Rechts: Victor Hugo, 1876, Photographie von Étienne Carjat. (Quelle). |
Der Krake bei Hugo ist allerdings gar nicht zoologisch zu verstehen, er beschreibt ihn vielmehr als eine Art Verkörperung des Schreckens. Einige seiner Beschreibungen sind geradezu albtraumhaft: Der Krake ist lautlos, intelligent, unaufhaltsam, würgend und besitzt Saugnäpfe, die sich festsetzen: Er wird fast zu einem dämonischen Wesen, da Victor Hugo alles ins Monströse steigert.
Wikipedia: Victor Hugo,
Die Arbeiter des Meeres.
Wikipedia:
Joseph
Carlier:
Gilliat und der Oktopus.
Von der Begegnung der Alecton mit dem Riesenkalmar hatte in Paris auch der Autor Jules Verne (1828 - 1905) erfahren, und als er 1869 seinen Roman "20.000 Meilen unter den Meeren" schrieb, ließ er den Bericht nahezu vollständig in eine Unterhaltung zwischen dem Professor Arronax, seinem Gehilfen und dem kanadischen Harpunier Ned Land einfließen.
![]() Aus Jules Vernes "20000 Meilen unter den Meeren". Links: Der Kampf der Alecton mit einem Riesen- kalmar. Rechts: Kapitän Nemo betrachtet einen Riesenkraken. Quelle: Andreas Fehrmann. |
Jedoch wird auf keinem Bild einer der charakteristischen langen Tentakel gezeigt, und das Tier, das sich vor dem Bullauge der Nautilus präsentiert, sieht hingegen einem Kraken erheblich ähnlicher, als einem Kalmar. In manchen Schilderungen des Ereignisses wird allerdings auch erwähnt, dass dem Tier die langen Fangarme gefehlt hätten, was durchaus manchmal vorkommen kann, zum Beispiel wenn es gerade einen Kampf hinter sich hatte. Dies ist zusätzlich der Hauptgrund, warum Riesenkalmare überhaupt an die Oberfläche kommen: Wenn sie einen Kampf hinter sich hatten und verletzt sind.
Andreas Fehrmann:
Jules Vernes
"Voyages Extraordinaires".
Wikipedia:
20.000 Meilen unter dem Meer (Roman).
Professor Arronax untersucht die ungeklärten Havarien mehrerer Schiffe, die zwischen 1866 und 1867 auf allen Weltmeeren stattfinden. Im Verlauf der Geschichte begegnet er dem undurchsichtigen Kapitän Nemo, der mit seinem für damalige Verhältnisse futuristischen U-Boot Nautilus die Weltmeere bereist. Wie viele andere U-Boote im Verlauf der Zeit erhielt die Nautilus nach dem Namen des Perlboots (Nautilus pompilius), eines Kopffüßers, der aufgrund seiner gekammerten äußeren Schale die Kunst des Tauchens perfektioniert hat.
Im Verlaufe des Romans bestehen die drei an Bord der Nautilus zahlreiche Abenteuer und so müssen sie unter anderem gegen einen Riesenkraken kämpfen. Ebenso sind sie an Bord, als Kapitän Nemo mit seiner Nautilus als erster Mensch den Südpol erreicht: Heute mag es verwunderlich anmuten, jedoch war damals noch nicht bekannt, dass im Gegensatz zum Nordpol der Südpol der Erde sich auf der Landmasse eines Kontinents, Antarktika, befindet. Was Jules Verne nicht ahnen konnte: 1958, etwas mehr als 50 Jahre nach seinem Tod, war es tatsächlich ein (allerdings amerikanisches) U-Boot namens Nautilus, das als erstes unter Wasser zumindest den Nordpol erreichte.
Während der Reise geraten sie mehrfach in gefährliche Situationen, aus denen sie durch die Nautilus gerettet werden. Wie viele Bücher Jules Vernes ist der Roman ein Klassiker der industriellen Revolution und beschreibt den Sieg der Technik über die Natur. Andererseits aber weist er in der erzählten Biographie Nemos und der Handlung bzw. den Dialogen immer wieder auch auf die Gefahr hin, wenn technische Macht ohne moralische Verantwortung eingesetzt wird.
Zusammengefasst sind natürlich weder Victor Hugos Roman, ebenso wenig wie der Jules Vernes, wissenschaftliche Veröffentlichungen. Dennoch zeigen sie sehr gut, dass die Legende vom Riesenkraken, selbst wenn es sich schlussendlich dann doch als Riesenkalmar herausstellte, durchaus noch im kulturellen Gedächtnis präsent war, auch wenn von Seiten der Wissenschaft solche Berichte als Unsinn abgestempelt wurden. Das hat sich bis zum gewissen Grade bis heute nicht geändert, jedoch sollten weitere Entdeckungen die wissenschaftliche Sichtweise zum Thema "Riesige Kopffüßer" in den folgenden Jahren deutlich ändern.
PBS Storied:
Release the Kraken! Origins of the Legendary Sea Monster. (
YouTube Video).
![]() Riesenkalmar (Architeuthis dux): KI-Illustration: Robert Nordsieck. |
Etwas später hatte Harvey jedoch mehr Glück: Wenige Wochen nach dem Ereignis in der Conception Bay fanden Fischer ein etwas kleineres Exemplar, das sich in ihrem Netz verfangen hatte. Diesmal gelang es ihnen, den ganzen Körper sicherzustellen, auch wenn sie den Kopf abtrennen mussten. Harvey erhielt das ganze Tier und es wurde sogar ein Photo aufgenommen. Es wurde vermessen und Prof. Verill vom damaligen Yale College in Connecticut bestimmte es, ebenso wie das zuvor gefundene, als Architeuthis dux (vgl. H. Lee, S. 41 ff.). Seither sind zahlreiche angeschwemmte Exemplare des Riesenkalmars dokumentiert worden, eines der letzten 2022 in Südafrika (Link). Dennoch dauerte es immerhin bis 2005, bis mit einer Unterwasserkamera die ersten Bilder eines lebenden Riesenkalmars von Tsunemi Kubodera et al. aufgenommen werden konnten.
![]() Der Autor im Gespräch mit Plinius, Conrad Gesner und Jules Verne. KI-Illustration: Robert Nordsieck. |
Eine weitere große Kalmar-Art ist der Humboldt-Kalmar (Dosidicus gigas), der entlang der süd- und mittelamerikanischen Westküste bis nach Baja California vorkommt. Dieser wird zwar nur etwa 2 m groß, aber er ist der einzige der drei großen Arten der tatsächlich manchmal Menschen angreift, entweder weil er sich, oftmals durch die hellen Lichter der Taucher, belästigt fühlt, angegriffen wird, oder den Menschen mit einem Beutetier verwechselt.
Zusammenfassend muss man sagen, obwohl wir heute natürlich um vieles mehr wissen, als zu den Zeiten von Conrad Gesner, Erik Pontoppidan oder Herman Melville, so wissen wir doch dennoch nicht einmal annähernd alles. Zum Teil stellte sich ja erst in jüngster Zeit heraus, dass manche dieser Geschichten und Legenden, wenn auch manchmal mit einiger Interpretation, sich sehr wohl als wahr, oder zumindest auf wahren Begebenheiten beruhend, entpuppen können. Als Henry Lee 1883 versuchte, die Legenden von Kraken und Seeschlangen zoologisch zu erklären, verfügte er nur über wenige Hinweise und zahlreiche Berichte. Heute wissen wir, dass einige seiner Vermutungen überraschend nahe an der Wahrheit lagen.
Immerhin gehört auch heute noch der Ozean zu den letzten großen Geheimnissen unserer Welt, selbst mit all den technischen Errungenschaften, die uns heute zur Verfügung stehen. Man könnte, trotz allem technologischen Fortschritt, der uns dahin gebracht hat, wo wir heute sind, die bis heute weitgehend unerforschten Regionen der Tiefsee gut mit dem Weltraum vergleichen.
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Letzte Änderung:
28.06.2026 (Robert
Nordsieck).
Letzte Link-Überprüfung: 18.06.2026.