Kraken (Octopodidae)


Saugnäpfe eines Riesenkraken (E. dolfleini)
Bild: Sami von kelpdiver.com.
 

Der Ausdruck Oktopus, unter dem ein Krake auch im allgemeinen Sprachgebrauch bekannt ist, kommt aus dem Griechischen. Er beschreibt die Eigenschaft, die Kraken und ihre Verwandten am offensichtlichsten von anderen Kopffüßern unterscheidet: Kraken und Papierboote haben, im Gegensatz zu Kalmaren und Tintenschnecken, acht anstatt zehn Fangarmen.

Die Zahl ihrer Arme ist nicht die einzige Eigenschaft, in der sich die Kraken von den übrigen Kopffüßern unterscheiden: Bei den Kraken ist die Tendenz zur Rückbildung der Schale, die bei den übrigen Kopffüßern schon zu erkennen ist, vollendet: Ihnen fehlt jedes Anzeichen einer inneren Schale, die als "Schulp" oder "Gladius" bei den übrigen Kopffüßern ausgebildet ist, sieht man einmal von den urtümlichen Perlbooten ab, die sogar noch eine äußere Schale besitzen.

 
Ein junger Krake hat sich in einer Bierdose versteckt.
Bild: Robert Patzner, Universität Salzburg.

Ohne eine innere Schale, sind Kraken hochflexibel und können sich auch durch die engsten Öffnungen zwängen. So verstecken sich Kraken oft in den interessantesten Behältnissen, wie zum Beispiel das Jungtier von Octopus vulgaris in der rechts abgebildeten Bierdose.

Im Gegensatz zu den übrigen Kopffüßern leben Kraken vor allem benthisch, d.h. am Ozeanboden. So wie die Skylla aus Homers Odyssee verstecken sie gerne den weichen Hinterleib in einer Felsenspalte und reichen mit den acht Fangarmen ins umgebende Wasser, um Krabben, Schnecken und Muscheln, aber auch andere Kraken, zu fangen. 

Da sie, ebenso wie die übrigen Kopffüßer, mit Kiemen atmen, können Kraken nicht dauerhaft an Land überleben. Für eine begrenzte Zeit sind Kraken jedoch imstande, das Wasser zu verlassen und auch an Land herumzuwandern. Bei Ebbe verstecken sich Kraken an der Küste oft in Gezeitentümpeln und fangen dort Krabben und Schnecken. Manche Krakenarten durchschwimmen aber auch offenes Wasser, um zum Beispiel von einem Riff zum anderen zu gelangen. Dabei treiben sie sich durch Ausstoßen von Wasser aus ihrer Mantelhöhle an. Der Sipho dient ihnen dabei zur Richtungsbestimmung. Die acht Fangarme nutzen Kraken nicht zum Schwimmen, sondern ziehen sie in ihrem Kielwasser hinter sich her.


Atmender Krake mit gut sichtbarer Mantelhöhle und Sipho.
Photo: Jim Cosgrove.
 

Schwimmender Blauring-Krake auf flickr.com.

Kraken fangen ihre Beute ähnlich wie die anderen Kopffüßer mit den Fangarmen. Nachdem die Beute ergriffen wurde, wird sie in Richtung der Mundöffnung gezogen, wo der kräftige Hornschnabel ein Loch in die Schale oder Panzerung der Beute - die meisten Beutetiere der Kraken - Krebse, Krabben, Schnecken, Muscheln u. a. - haben entweder einen Außenpanzer oder eine Schale - beißt. Anschließend löst der Krake mit seinem Verdauungssaft die inneren Organe der Beute auf und saugt den Proteinsaft auf. 

 
Riesenkrake (Enteroctopus dolfleini) frisst eine Krabbe.
Bild: Sami von kelpdiver.com.

Oft erkennt man das Versteck eines Kraken an herumliegenden Überresten seiner Beute (Schalen und leere Panzer).

Manche Kraken können, wenn sie sich zur Wehr setzen müssen, empfindliche Bisse verteilen, bei manchen, wie den bereits genannten australischen Blauringkraken, ist der Verdauungssaft hochgiftig, so dass es jedes Jahr zu (manchmal tödlichen) Unfällen durch unachtsame Taucher oder Strandwanderer kommt, die einen Kraken in einem Gezeitentümpel finden und ihn aufzuheben versuchen.

Besonders, wenn sie angegriffen werden, können Kraken eine weitere Waffe einsetzen - ihre Tintendrüse. Dieses blasenförmige Organ ist eine Seitendrüse des Enddarms und produziert eine dunkle Flüssigkeit, die der Krake in Form einer Wolke durch Mantelhöhle und Sipho ins Wasser entlassen kann. Mit beigemengtem Schleim kann der Krake der Wolke sogar Form verleihen, und, während der Angreifer die Wolke angreift, sich zurückziehen, nachdem er sich zur Tarnung in den Umgebungsfarben gefärbt hat.

Kraken leben nur ein bis zwei Jahre. Ihr Leben endet meist mit der Begattung und der anschließenden Aufzucht der Jungen. Während das Männchen meist schon nach der Begattung stirbt, überleben Krakenweibchen manchmal erheblich länger. 


Frisch geschlüpfte Krakenlarve. Photo: Jim Cosgrove.
 

Während der Paarung überträgt der männliche Krake dem Weibchen eine Spermatophore mit einem Fangarm, der am Ende löffelförmig umgewandelt ist. Man bezeichnet diesen umgewandelten Fangarm, der auch bei anderen Kopffüßern vorkommt, als Hectocotylus. Der weibliche Krake kann den Inhalt der Spermatophore in einem blasenförmigen Organ, dem Receptaculum seminis (vgl. auch Genitalapparat der Weinbergschnecke), speichern, bis es zeitlich getrennt von der Begattung und bei günstigen Bedingungen für die Eiablage und die Entwicklung der Jungen, zur Befruchtung kommt. Der weibliche Krake sucht sich für die Eiablage eine geeignete Höhle und legt die Eier dort in Schnüren oder Paketen ab. Während der gesamten Entwicklung der jungen Kraken sorgt das Krakenweibchen für Sauberkeit der Eier, fächelt ihnen sauerstoffreiches Wasser zu und verteidigt sie gegen Feinde. Während dieser ganzen Entwicklungszeit verlässt das Krakenweibchen das Gelege nie und frisst daher nur sehr wenig. Nachdem die jungen Kraken geschlüpft sind, stirbt das Weibchen meist an Entkräftung oder wird von Feinden getötet, gegen die sie sich nicht mehr zur Wehr setzen kann. Nach dem Tod des Muttertiers sind die frisch geschlüpften Krakenlarven während der ersten zwei Monate, in denen sie im Gegensatz zur benthischen Lebensweise pelagisch leben, sich selbst überlassen. Die zu erwartenden Verluste werden durch die durchschnittliche Anzahl von bis zu 150.000 Eiern pro Gelege eines Kraken wettgemacht.

 
Auge eines Kraken. Photo: Robert Patzner, Uni Salzburg.

Das Nervensystem der Kraken ist in mehrfacher Hinsicht sehr leistungsfähig, so dass das Hirn des Kraken, eines wirbellosen Weichtiers, dem eines Fisches, eines Wirbeltiers, überlegen ist. Besonders weit entwickelte Zentren sind die optischen Hirnlappen und die Steuerungszentren für die Farbzellen. Die Augen des Kraken sind die am weitesten entwickelten Sehsinnesorgane der Wirbellosen. Es handelt sich um Linsenaugen, die dem Vergleich mit dem Auge eines Wirbeltiers durchaus standhalten können. Da die Augen der Weichtiere sich auf einem anderen Weg entwickelt haben, als die der Wirbeltiere, sind sie trotz gleicher Funktionsweise unterschiedlich aufgebaut. Die Netzhaut eines Krakenauges entsteht als Teil der Augenbechers und wird erst später von Nervenfasern des Sehnervs versorgt. Daher deuten die Lichtsinneszellen in der Netzhaut eines Kraken ins Augeninnere. Darin unterscheidet sich das everse Weichtieraugen deutlich vom inversen Wirbeltierauge, in dem die Lichtsinneszellen der Retina erst sekundär durch das Einwachsen des Sehnervs in den Augenbecher angelegt werden und daher in den Augenhintergrund deuten.


Fangarme eines Riesenkraken. Photo: Jim Cosgrove.
 

Ebenfalls bemerkenswert ist die Innervierung der Fangarme der Kraken. Die zu den Krakenartigen gehörenden Argonauten können ihren Hectocotylus z.B. abtrennen und dieser findet seinen Weg in die Mantelhöhle des Weibchens allein. Auch unfreiwillig abgetrennte Arme der Kraken (Argonauten sind die einzigen Krakenartigen, die ihren Hectocotylus abtrennen) bewegen sich nach der Trennung vom übrigen Körper allein weiter. Allgemein müssen Kraken nicht alle Bewegungen vom Gehirn aus steuern, sondern die in den Nervenknoten der Fangarme eingespeicherten Neuralmuster erlauben zumindest einfache Bewegungsabläufe.

Besonders zu erwähnen ist auch die Innervierung der Saugnäpfe, deren chemische Sinneszellen dem Kraken Information über die Natur der betasteten Materie verschaffen, sowie die neuronale Steuerung einzelner Farbzellen (Chromatophoren) in der Haut, die es dem Kraken erlauben, seine Farbe zu verändern. Zusätzlich zu ihrer flexiblen Form können Kraken, ebenso wie andere Kopffüßer, ihre Farbe durch die Steuerung einzelner Farbzellen in ihrer Haut steuern. Sie nutzen diese Fähigkeit zur Tarnung, aber auch zur Verständigung mit Artgenossen. Die Blauringkraken Australiens und Südostasiens zeigen ihre Färbung mit den charakteristischen blauen Ringen nur, wenn sie sich bedroht fühlen. Sonst ist ihre Farbe eher unauffällig gelblich-bräunlich. Jedoch ist die Farbe der Kraken nicht nur Warnfarbe, sondern vor allem auch Verständigung, besonders natürlich zu Artgenossen. Im Gegensatz zu den Kalmaren sind Kraken Einzelgänger, die ihr Territorium gegen andere Kraken verteidigen, bzw. kleinere Artgenossen ebenso fressen, wie andere Weichtiere.

 
Krake im Labyrinth.
Quelle: Quarks & Co. (WDR).

Über die Leistung ihres Nervensystems hinaus sind Kraken sehr lernfähig. Sie können sich Farben und Formen merken und finden auch Wege aus komplexen Labyrinthen. Erwiesenermaßen können Kraken verschlossene Dosen öffnen und Flaschen entkorken, um an Beute zu gelangen. Dabei lernen die Kraken auch durch Beobachtung eines Vorgangs, d.h. ohne den Vorgang zuvor selbst erprobt zu haben. In einem Experiment zum Formenlernen des Kraken konnte nachgewiesen werden, dass Kraken Farben in Verbindung mit anschließend im Erfolgsfall gereichtem Futter setzen konnten und auch einfache geometrische Formen auseinander halten können. Andere Kraken, die im Nachbaraquarium gehalten wurden, erwarben dieses Wissen, indem sie den Lernprozess des Versuchskraken durch die Scheiben der Aquarien beobachteten.

Die Lernfähigkeit der Kraken kann man durch ihre Evolution in Konkurrenz zu anderen hoch entwickelten Meerestieren erklären. Kraken müssen deswegen besonders gut und schnell lernen können, da sie aufgrund ihrer geringen Lebensspanne (Kraken werden maximal 4 Jahre alt) und der Tatsache, dass das Muttertier kurz nach dem Schlüpfen der Jungen stirbt, keine Möglichkeit haben, erworbene Fähigkeiten weiter zu geben. Alle Fähigkeiten müssen also immer wieder neu erworben werden.


Riesenkrake (Enteroctopus dofleini). Bild: kelpdiver.com.
 

Kraken kommen in allen Meeren der Erde vor. Sie erreichen Größen von wenigen Zentimetern bis hin zum Pazifischen Riesenkraken (Enteroctopus dofleini), der Spannweiten von über 4 Metern erreicht. Sie leben in vielen unterschiedlichen Habitaten zwischen der Gezeitenzone und bis zu 7 Kilometer Tiefe. Im Mittelmeer kommen beispielsweise der Gemeine Krake (Octopus vulgaris) mit bis zu 1 Meter Armlänge und der etwas größere Weißpunktkrake (Octopus macropus) vor. Kleinere Arten sind Zirrenkrake (Eledone cirrhosa) und Moschuskrake (Eledone moschata) mit bis zu 40 cm Armlänge.

Der größte bekannte Krake ist Enteroctopus dofleini, der (Nord-)Pazifische Riesenkrake, der an der amerikanischen Nordwestküste vorkommt. Er erreicht eine Armlänge von über 2 Metern, unbestätigten Angaben zufolge sind sogar Exemplare bekannt, die über 3 Meter lange Arme hatten und somit eine Spannweite von bis zu 7 Metern hatten.

In Australien und Südostasien kommt die Gattung der Blauring-Kraken (Hapalochlaena) vor. Diese kleinen Kraken (Armlänge bis 10 cm) sind, neben ihrer charakteristischen Warnfarbe besonders durch die hohe Giftigkeit ihres Speichels bekannt, der beim Biss übertragen wird. Der Speichel des Blauring-Kraken enthält Tetrodoxin, ein Nervengift, das die willentlichen Muskeln lähmt und innerhalb weniger Stunden nach dem Biss tötet.

Im Ganzen sind etwa 200 Krakenarten bekannt, von denen viele jedoch noch nicht geklärt bzw. unbestimmt sind.