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Schlundsackschnecken (Sacoglossa) |
![]() Grüne Samtschnecke (Elysia viridis): Schouwen-Duiveland, Niederlande. Bild: Lynn Biscop (iNaturalist). |
Nach der Systematik von Bouchet et al. (2005, 2017) werden die Schlundsackschnecken (Sacoglossa) in drei Untergruppen unterteilt, nämlich die Schalen tragenden Oxynooidea (etwa 20% der Sacoglossa), die schalenlosen Pleurobranchoidea, sowie schließlich die Platyhedyloidea.
Während bei den Oxynooidea die Gehäuse der Volvatellidae und Oxynoidae äußerlich in etwa denen der Blasenschnecken (Bullidae, Cephalaspidea) ähneln, ist andererseits die Familie Juliidae (s.u.) sehr interessant, weil diese als einzige Schnecken nämlich eine zweiklappige Schale besitzen.
Klasse Gastropoda
Unterklasse
Heterobranchia
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Infraklasse Euthyneura
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Subterklasse Tectipleura
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Überordnung Sacoglossa
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Überfamilie Oxynooidea Stoliczka, 1868 (1847)
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Familie Juliidae E.A. SMITH, 1885
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Überfamilie Plakobranchoidea J. E. Gray, 1840
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Überfamilie Platyhedyloidea Salvini-Plawen, 1973
WoRMS: MolluscaBase eds.
(2025):
Sacoglossa.
![]() "Lettuce Sea Slug" (Elysia crispata) von der Insel Dominica. Bild: Nick Hobgood (Quelle). |
![]() "Leaf-sheep Slugs" (Costasiella kuroshimae) von der Insel Bali. Bild: Josy Lai (iNaturalist). |
Die Verbreitung der Sacoglossa hängt wesentlich von den Vorkommen ihrer Futterpflanzen ab. Die meisten Arten kommen in Äquatornähe in den Küstengebieten tropischer Inseln vor. Nach Norden und Süden nimmt die Artenvielfalt ab, vielfach handelt es sich auch um tropische Arten mit einer höheren Temperaturtoleranz.
Bei den schalenlosen Sackzünglern hat man nachweisen können, dass sie sämtlich im Larvenstadium eine Schale besitzen, die im Verlauf der Metamorphose abgeworfen wird, genauso, wie dies bei den im erwachsenen Zustand schalenlosen See-Engeln (Gymnosomata, Pteropoda) der Fall ist.
Aus der Erdgeschichte sind Sackzüngler seit dem Eozän (vor ca. 34 - 56 Mio. Jahren, vgl. Erdzeitalter) bekannt. Die Untersuchung fossiler Sackzüngler wird dadurch erschwert, dass die Schalen so dünnwandig sind und dass im Lebensraum der Schnecken (an der Küste) eine starke Erosion stattfindet. Vergleicht man aber mit dem Vorkommen der Algen, die diese fossilen Schnecken wahrscheinlich gefressen haben, so kann man von einem Vorkommen seit dem Jura oder der Kreidezeit ausgehen.
Ria Tan:
Slugs:
nudibranch, sea hare or sap-sucking slug? How to tell them apart.
Ria Tan:
Sap-sucking Slugs (Sacoglossa) of Singapore.
![]() Bosellia mimetica, eine Schlundsackschnecke mit wirksamer Tarnung. |
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![]() Wo ist Bosellia mimetica? Bilder: Parent Géry (Quelle). |
Jensen, K. R. (2006): "Biogeography of the Sacoglossa (Mollusca,
Opisthobranchia)". Bonner zoologische Beiträge 55 (3-4): 255 - 281.
Unterschieden werden 284 gültige Arten von Sacoglossa.
Händeler, K.,
Grzymbowski, Y. P., Krug, P. J.; Wägele, H. (2009): "Functional chloroplasts in
metazoan cells - a unique evolutionary strategy in animal life". Frontiers in
Zoology 6: 28. (Link).
Algen dienen den Schlundsackschnecken aber nicht nur als Nahrung. Ähnlich wie viele Seehasen nutzen auch Sackzüngler chemische Bestandteile ihrer Nahrung, um sich gegen Fressfeinde zu schützen.
In besonderem Maße haben viele Schlundsackschnecken auch die Nutzung von Algen als Tarnung perfektioniert, indem Chlorophyll aus den Algen im Körper eingelagert wird und die Schnecke so die Farbe ihres algenreichen Hintergrundes annimmt. Auch in der Körperform passen sich diese Schnecken ihrer Nahrung an. So ist Bosellia mimetica (Mimese bedeutet die Tarnung eines Tiers als lebloses Objekt) kaum von den Algen zu unterscheiden, die sie frisst, zumal sie nur höchstens 8 mm groß wird.
Bill Rudman:
Bosellia mimetica auf
seaslugform.net.
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Kleptoplastie: Was ist das? Kleptoplastie oder Kleptoplastidie ist ein Vorgang, bei dem z.B. Chloroplasten (aber auch andere Zellorganellen) von einem Wirtsorganismus mit der Nahrung aufgenommen werden und anschließend für die eigene Energieversorgung genutzt werden. ![]() Costasiella kuroshimae. Bild: Alif Abdul Rahman (Quelle). Dieser Vorgang findet nicht nur bei Sackzünglern (Sacoglossa) statt, sondern auch bei unterschiedlichen anderen Gruppen, wie Foraminiferen, Wimpertierchen, sowie neben Sacoglossa auch Nacktkiemerschnecken (Nudibranchia). |
Zu diesen Schnecken zählt z.B. die Grüne Samtschnecke (Elysia viridis), die im nordöstlichen Atlantik, von Norwegen bis zum Mittelmeer verbreitet ist und vorwiegend von Algen (Codium fragile) lebt, deren Chloroplasten sie sich aneignet. Man kann diese Schnecken also mit einigem Fug und Recht als "Schnecken mit Solarantrieb" bezeichnen. An der Westküste Amerikas ist hingegen die Art Elysia chlorotica verbreitet.
Schnecken mit Solarantrieb.
WoRMS: MolluscaBase eds. (2025):
Plakobranchidae J.E. GRAY, 1840.
Helmut Höge: "Sie
leuchten grün im Dunkeln!" auf
taz.de.
Blattschaf-Schnecke (Costasiella "kuroshimae", Familie Costasiellidae), ein anderer Vertreter der Sacoglossa aus dem japanischen Meer und angrenzenden Gebieten des Indopazifik. |
Eine andere Art lebt interessanterweise von Grünalgen, deren Zellen zu bestimmten Jahreszeiten verkalkt sind. Da die Schnecke das Kalkskelett der Algen nicht zerstören kann, ernährt sie sich in dieser Zeit ausschließlich von der Photosynthese der eingelagerten Chloroplasten.
Film: "The
Lettuce Sea Slug". Quelle:
YouTube.
Anfangs wurde angenommen, dass die Einlagerung der Chloroplasten werde nur möglich, indem die Körperzelle der Schnecke genetische Information von der Pflanzenzelle übernimmt (horizontaler Gentransfer), was zwischen Pflanze und Tier als sehr ungewöhnlich zu betrachten ist.
Immerhin steht der Schnecke der Zellkern der Pflanzenzelle nicht mehr zur Verfügung, um die Funktion der Chloroplasten zu steuern: So besitzen Pflanzen die Möglichkeit, die Entstehung schädlicher Substanzen durch zu hohe Energieaufnahme (etwa bei starker Sonnen-Einstrahlung) zu regulieren, indem sie diese Substanzen chemisch oder mit Hilfe spezialisierter Enzyme neutralisieren. Diese Möglichkeit hat die Schnecke jedoch nicht, da dies in der Pflanzenzelle außerhalb der Chloroplasten, gesteuert vom Zellkern, geschieht.
Stattdessen regulieren Meeresnacktschnecken die Funktion "ihrer" Chloroplasten, indem sie sich in den Schatten bewegen (eine Möglichkeit, die wiederum der Pflanze nicht zur Verfügung steht) oder ihrere Mantelanhänge (Parapodien), sofern sie welche besitzen, nutzen, um die Chloroplasten in ihrem Gewebe abzudecken. Manche Schnecken besitzen auch dunklere Pigmente, mit denen sie die Chloroplasten schützen können.
Für einen horizontalen Gentransfer zwischen Pflanze und Tier konnten bisher keine Hinweise gefunden werden.
Gavagnin, M.; et al. (1994): "Secondary metabolites from Mediterranean
Elysioidea: origin and biological role". Comparative Biochemistry and Physiology
Part B: Biochemistry and Molecular Biology 108: 107. (Link).
Rumpho, M. E.; Dastoor, F. P.; Manhart, J. R.; Lee, J. (2007): The Kleptoplast.
23. p. 451 (Link).
JENSEN, K. R. (1997): "Evolution of the Sacoglossa (Mollusca,
Opisthobranchia) and the ecological associations with their food plants".
Evolutionary Ecology 11: 301–335.
Sacoglossa besitzen, wie neuere Entdeckungen bestätigen, offensichtlich eine erstaunliche Regenerationsfähigkeit. In einem Laboratorium in Japan sollte eigentlich die Kleptoplastie (s.o.) der Schnecken untersucht werden. Stattdessen stellten die Forscher fest, dass eine Schnecke, die offenbar von Parasiten gefallen war, ihren Kopf vom Körper getrennt hatte und sich aus den Kopfstück dann ein neuer Körper bildete.
![]() Ercolania kencolesi (ca. 5 mm), in (!) Boerge- senia-Alge. Quelle: Händeler et al. (2009). |
![]() Zweiklappenschnecke (Berthelinia babai): Victoria, Australien. Bild: Rebecca Lloyd (iNaturalist). |
![]() Zweiklappenschnecke (Berthelinia babai): Victoria. Australien. Bild: Kade (iNaturalist). |
Unter den Mitgliedern der sehr unterschiedlichen Gruppe der Schlundsackschnecken gibt es mehrere, die auf bemerkenswerte Weise alles in Frage zu stellen scheinen, was man über Schnecken zu wissen glaubte:
Eine wichtige Regel ist, dass Schnecken sich von Muscheln (Bivalvia) grundsätzlich darin unterscheiden, dass sie eine einteilige, spiralig gewundene Schale besitzen, im Gegensatz zur zweiklappigen, symmetrischen Schale der Muscheln (vgl. dazu: "Was Muschel und was Schnecke?" von O.W. Paget).
Das ist prinzipiell richtig, es sei denn, man spricht von den Zweiklappenschnecken (Juliidae): Diese besitzen nämlich bemerkenswerterweise eine zweiteilige Schale (vgl. Abbildungen rechts). Im Gegensatz allerdings zur zweiklappigen Schale einer Muschel entspricht bei ihnen nur die linke Schalenklappe homolog der Schale der übrigen Schnecken. Die rechte Schalenklappe hingegen ist eine sekundär entstandene Bildung des Mantels.
Als Fossilien werden die Zweiklappenschnecken daher oft mit Muscheln verwechselt, rezent (und es ist erst seit 1959 überhaupt bekannt, dass es rezente Arten der Juliidae gibt) kann man aber deutlich erkennen, dass es sich um Schnecken handelt.
WoRMS: MolluscaBase eds. (2025):
Juliidae E.A. SMITH, 1885.
Letzte Änderung: 24.11.2025 (Robert Nordsieck).