Menü aufrufen!

Die Windungsrichtung der Schneckenschale


Rechts ist nicht gleich Links: Schnecken kann man nicht ohne
weiteres spiegeln, denn ihre Schale ist asymmetrisch. [RN]
 

In der Natur gibt es zahlreiche Beispiele dafür, dass Rechts nicht immer gleich Links ist, wie zum Beispiel die Chiralität des in Form eines Tetraeders angelegten Kohlenstoffatoms. Die Schale der Schnecken ist ein anderes Beispiel für diesen grundlegenden Unterschied.

Grundsätzlich ist eine Schale, wie sie die Schnecken tragen, allen höheren Weichtieren gemeinsam: (vgl. Die Evolution der Weichtierschale). Als solches ist die Schale der Schnecken nichts Besonderes. Was sie jedoch zur Besonderheit macht, ist die Tatsache, dass sie Schneckenschale asymmetrisch ist. Vergleicht man sie mit der symmetrischen Schale eines Nautilus, die von rechts und von links gleich aussieht, erkennt man, dass die Schale einer Schnecke auf einer Seite zu einer deutlich erkennbaren Schalenspitze - den so genannten Apex - ansteigt.

Ob die Schale einer Schnecke jedoch rechts oder links gewunden ist, hängt nämlich von mehreren Faktoren ab.

 
Die Schale einer Riemenschnecke (Helicodonta obvoluta) steigt zwar nicht
so deutlich an, wie andere Schneckenschalen, Ober- und Unterseite sind
aber dennoch deutlich zu erkennen. Bild: Helmut Nisters.

Selbst die Schale etwa einer Riemenschnecke (Helicodonta obvoluta) lässt, obwohl sie nicht erkennbar ansteigt, deutlich Ober- und Unterseite erkennen. Daher gibt es keine Symmetrieebene, an der man zwei Hälften dieser Schale spiegeln könnte. Folglich kann man auch das Bild einer Schnecke nicht ohne weiteres spiegeln, ohne etwas völlig anderes darzustellen.

Wie ermittelt man die Windungsrichtung einer Schneckenschale?

Die Windungsrichtung der Schale ist für eine bestimmte Landschneckenart grundsätzlich artspezifisch, so dass sie auch als Bestimmungsmerkmal genutzt werden kann. Oftmals sind sogar ganze Landschneckenfamilien in dieser Hinsicht festgelegt, wie zum Beispiel die Schnirkelschnecken (Helicidae), zu denen die größte mitteleuropäische Landgehäuseschnecke, die Weinbergschnecke (Helix pomatia), gehört. Schnirkelschnecken sind, wie die meisten Schnecken, rechts gewunden.

         
Von links nach rechts: Jaminia quadridens (links gewunden),
Zebrina detrita (rechts gewunden), Cochlodina laminata und
Macrogastra ventricosa, beide links gewunden. Vgl. Text!
Bilder: Helmut Nisters.
 

In anderen, im Regelfall rechts gewundenen, Schneckengruppen kommen hingegen einzelne links gewundene Arten vor, für die wiederum die Windungsrichtung nach links artspezifisch ist. Zu den Vielfraßschnecken (Enidae) mit ihrem charakteristisch hoch gewundenen Gehäuse gehört so z.B. die große Zebraschnecke (Zebrina detrita) gehört, die in Deutschland in der mediterran anmutenden Region um den Kaiserstuhl in der oberrheinischen Tiefebene vorkommt. Zebrina detrita ist rechts gewunden. Die vierzähnige Vielfraßschnecke (Jaminia quadridens) hingegen ist links gewunden und steht damit im Gegensatz zum familientypischen Regelfall.

Die einzige Landschneckenfamilie, die typischerweise links gewunden ist, sind die Schließmundschnecken (Clausiliidae). Diese kleinen baum- und felsenbewohnenden Schnecken besitzen ein spindelförmiges Gehäuse, mit dem sie sich leicht in Ritzen vor der Trockenheit verstecken können und kommen mit einem besonderen Artenreichtum auf der Balkanhalbinsel und in Griechenland vor, sind sonst jedoch paläarktisch verbreitet (vgl. tiergeographische Faunenprovinzen). Auch in Mitteleuropa gibt es jedoch zahlreiche Schließmundschneckenarten, wie z.B. die glatte Schließmundschnecke (Cochlodina laminata) oder die bauchige Schließmundschnecke (Macrogastra ventricosa). Im Gegensatz zu diesen beiden links gewundenen Arten steht die vorwiegend in Rumänien vorkommenden Gattung Alopia, die mit einigen Ausnahmen rechts gewunden ist und manche ebenfalls rechts gewundene Arten der Gattungsgruppe Albinaria auf der Halbinsel Peloponnes in Griechenland.

 
Dieses Bild wurde nicht gespiegelt, es handelt sich also um
einen echten Schneckenkönig! Bild: [RN].

Ein anderes, äußerst seltenes Phänomen ist besonders bei Weinbergschnecken (Helix pomatia) sehr gut dokumentiert. Unter mehreren tausend arttypisch rechts gewundenen Exemplaren findet sich dort manchmal ein einzelnes links gewundenes Exemplar. Solche überaus seltenen links gewundenen Exemplare bezeichnet man im Volksmund als Schneckenkönig.

Schneckenkönige - Links gewundene Weinbergschnecken.

Links gewundene Exemplare normalerweise rechts gewundener Schneckenarten kommen natürlich nicht nur bei der Weinbergschnecke vor. Seit seit der Renaissance haben solche links gewundenen Schneckenschalen als "conchylia sinistralia" ihren Weg in die Naturalienkabinette gefunden und sind auch heute noch in den daraus hervor gegangenen Schausammlungen naturhistorischer Museen zu sehen. Auch zahlreiche moderne Schalensammler erfreuen sich an der Besonderheit dieser ungewöhnlichen Schalen (s.u.).

Weiterführende Informationen:

Links gewundene Schneckenschalen in Sammlungen: