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Herzlichen Dank an
Mica Brugsch für
ihre vielen farbenfrohen Exemplare von
Bänderschnecken, die ich fotografieren durfte!
![]() Fünfbändriges Exemplar der Hainbänderschnecke. [RN] |
Die farbenfrohe Schalenvielfalt der kleinen bis mittelgroßen Schneckenarten aus der Familie der Schnirkelschnecken (Helicidae), die wegen ihrer charakteristischen Längsbänder als Bänderschnecken bezeichnet werden, ist selbst für die Klasse der Schnecken (Gastropoda) erstaunlich, obwohl es vor allem unter den marinen Arten der Schnecken zahlreiche sehr farbenfrohe Arten gibt.
![]() Links: Gartenbänderschnecke (Cepaea hortensis, vorne) und Hainbänderschnecke (Cepaea nemoralis). Rechts: Gartenbänderschnecke (links) und gerippte Bänderschnecke (Cepaea vindobonensis). [RN] |
Bänderschnecken der Gattung Cepaea (Held 1838) gibt es in Mitteleuropa vier verschiedene Arten, von denen die beiden am weitesten verbreiteten und bekanntesten Arten die größere Hainbänderschnecke oder Schwarzmündige Bänderschnecke (Cepaea nemoralis) und die kleinere Gartenbänderschnecke oder Weißmündige Bänderschnecke (Cepaea hortensis) sind. Beide unterscheiden sich durch ihre Größe und durch die charakteristische Farbe ihrer Mündungslippe. Die beiden weiteren Arten sind die Bergbänderschnecke (Cepaea sylvatica), die von den höheren Lagen der Schweiz (über 500 m NN) bis ins Oberrheintal vorkommt und die Gerippte Bänderschnecke (Cepaea vindobonensis), deren Verbreitungsgebiet sich im Osten anschließt und sich vom Raum um Wien (wie der Name schon sagt) und dem übrigen Ostösterreich bis auf den Balkan und in das Schwarzmeergebiet erstreckt.
Helicidae II (Helicinae):
Bänderschnecken, Weinbergschnecken und ihre nächsten Verwandten.
Während die Bergbänderschnecke und auch die Gerippte Bänderschnecke im Wesentlichen ein optisch einheitliches Bild bieten, zeichnen sich aber die Schalen der beiden zuerst genannten Bänderschneckenarten durch eine sehr große Farben- und Formenvielfalt aus.
Man kann mehrere Grundfarben zwischen Gelb, Rosafarben bis Rot und Braun unterscheiden, ebenso aber mehrere Arten der Bänderung, von ungebänderten Formen über einfach gebänderte Exemplare bis hin zu mehrfach (meist fünffach) gebänderten Tieren. Trotz ihrer äußerlichen Verschiedenheit kann man aber anatomisch, beispielsweise durch Betrachtung des Genitalapparats und des Liebespfeils, ganz klar nachweisen, dass es sich um Angehörige derselben Art handelt, dass also eine fünffach gebänderte Hainbänderschnecke (Cepaea nemoralis) mit einer ungebänderten und anders gefärbten anderen Hainbänderschnecke näher verwandt ist, als beispielsweise mit einer ebenfalls fünffach gebänderten Gartenbänderschnecke (Cepaea hortensis).
![]() Hainbänderschnecke (Cepaea nemoralis). Links: Zwei gebänderte Varianten (gelb und rosa). Mitte links: Drei verschiedene Farbvarianten. Mitte rechts: Unterschiedliche Rot-Töne. Rechts: Braunrosa gefärbtes Exemplar. [RN] |
Wie nun ist diese in den Reihen der einheimischen Landlungenschnecken (Stylommatophora) einzigartige Farbenvielfalt entstanden?
Die Weitergabe der Gehäusefarbe bei Bänderschnecken hat genetische Grundlagen, sie beruht auf den Prinzipien der Vererbungslehre. Dass der Polymorphismus (Formenvielfalt) der Bänderschnecken auf Mendelschen Regeln von Dominanz und Rezessivität beruht, hat man bereits zu Beginn des 19. Jhd. (Lang, 1904, 1908) beweisen können. Seitdem gilt die Gehäusefarbe von Bänderschnecken als eines der ersten grundsätzlichen Beispiele für Mendelsche Genetik im Tierreich. Die Mendelschen Regeln können jedoch die Vererbung der Gehäusefarbe bei Bänderschnecken nicht vollkommen erklären. Umfassende Kreuzungsexperimente seit den 50er Jahren (vgl. entsprechende Beschreibungen bei Murray, 1975) haben erst das heutige Bild ergeben können.
schnecke (Cepea nemoralis). Dominanz von oben nach unten. |
Mehrere Gene der Gehäusefarbe der Hainbänderschnecke (Cepaea nemoralis) befinden sich auf demselben Chromosom, werden also meist kombiniert vererbt. Dazu gehört das Gen C für die Gehäusegrundfarbe, das man mit mehreren Allelen beschreiben kann, darunter braun, rosa in mehreren Abstufungen und gelb. Ein weiteres Gen auf demselben Chromosom ist das Gen B für die Bänderung des Gehäuses mit zwei Allelen, nämlich B0 für ein ungebändertes Gehäuse und BB für ein gebändertes Gehäuse. Weitere Gene auf diesem Chromosom umfassen das Gen I für unterbrochene (getüpfelte) Bänder, S für ausgedehnte Bänder und P für die Pigmentierung der Bänder und der Mündungslippe, die bei der Hainbänderschnecke arttypisch dunkelbraun, hellbraun oder sogar weiß oder durchscheinend sein können.
derschnecke (Cepea nemoralis). Dominanz von oben nach unten. |
Weitere Gene befinden sich auf anderen Chromosomen, da sie unabhängig von den oben genannten Genen vererbt werden, und, soweit der Stand der Information diesen Schluss zulässt, auch unabhängig voneinander. Dazu gehören die Gene U für die Unterdrückung des 1., 2., 4. und 5. Bandes (dadurch wird eine fünffach gebänderte Hainbänderschnecke zu einer einfach gebänderten, bei der nur das mittlere Band sichtbar ist), T für die Unterdrückung des 1. und 2. Bandes, D für die Pigmentation der Haut des Weichkörpers, Q für die Stärke der Pigmentation, R für graduelle Verdunkelung der Bänderfarbe vom Apex zur Mündungslippe und O für orangefarbene Bänder.
Wie die Tabellen T1 für die kombiniert vererbten Merkmale und T2 für die unabhängig vererbten Merkmale zeigen, bestehen einigermaßen klare Dominanzverhältnisse bei den Genen C (braun dominant über rosa, das wieder dominant ist über gelb) und B (ungebändert dominant über gebändert), sowie U (die einfach gebänderte Variante ist dominant über die fünffach gebänderte Variante). Klare Dominanzverhältnisse bestehen auch bei den übrigen Genen.
Unsicher ist die Dominanz zwischen den verschiedenen Graden der Rosafärbung. Diese sind im Feldversuch aber ohnehin schwer zu ermitteln. Grundsätzlich kann man die Gehäusefarbe einer Bänderschnecke am sichersten auf der Unterseite nahe des Nabels ermitteln. Manchmal muss dazu die Schalenhaut (Periostracum) abgeschabt werden.
Nach den Erkenntnissen dieser genetischen Untersuchungen müssten also in der Natur vorwiegend braune ungebänderte Hainbänderschnecken vorkommen.
![]() D1: Auszählung von Bänderschnecken (Cepaea nemoralis) an einer Mauer in Bad Kreuznach. |
Nebenstehendes Ergebnis einer Auszählung von Hainbänderschnecken im Rahmen des Evolution Megalabs (s.u.) in Bad Kreuznach (Nordsieck, R., 2009, Schaubild D1) beweist aber, dass dies keineswegs der Fall ist. Von knapp 70 gezählten Schnecken an einer mit Efeu bewachsenen Mauer war die große Mehrzahl gelb und ungebändert, gefolgt von gelben, einfach gebänderten Schnecken und gelben, fünffach gebänderten Schnecken. Braun gefärbte Schnecken wurden gar nicht gefunden.
![]() D2: Auszählung von Bänderschnecken (Cepaea nemoralis) an einer Mauer in Berlin-Dahlem. |
Statistisch wertvoller ist die Zählung einer größeren Anzahl von Bänderschnecken im Rahmen des Evolution Megalabs in Berlin (Brugsch, M. und Nordsieck, R., 2009, Schaubild D2) an einer vergleichbaren Mauer. Auch hier überwogen die gelben Schnecken erheblich (186 von 274 Schnecken, also etwa 2/3). Allerdings war hier der größte Anteil (etwas weniger als die Hälfte der gezählten Schnecken) gelb und fünffach gebändert, eine Kombination von gleich drei rezessiven Merkmalen: gelb, gebändert und fünffach gebändert.
Dass die genetischen Grundlagen der Gehäusefärbung von Bänderschnecken in der Natur nicht zur Ausprägung kommen, hat ökologische Gründe.
Bänderschnecken, wie viele andere Schneckenarten, gehören zur bevorzugten Beute zahlreicher Vogelarten, unter anderem der Singdrossel (Turdus philomelos). Diese nach Sicht jagenden Tiere fangen und fressen natürlich vor allem diejenigen Schnecken, die sie in der Vegetation am besten erkennen können. Die besser getarnten Schnecken überleben und können sich fortpflanzen.
![]() Singdrossel (Turdus philomelos), Jungtier. Bild: Rudolf Dick. |
Besonders die heute relativ selten gewordenen Singdrosseln suchen sich einen besonderen Stein (auch einen Randstein oder ein Mauerstück) aus, auf dem sie die Gehäuse gefangener Bänderschnecken zertrümmern, um an den nahrhaften Inhalt zu kommen. Diese Steine erkennt man an der Vielzahl darum herum liegender Gehäusebruchstücke. Man spricht auch von einer Drosselschmiede.
![]() D3: Das Verhältnis von hellen zu dunklen, von gebänderten zu unge- bänderten Schalenvarianten von Cepaea nemoralis in Abhängigkeit vom Habitat: Siehe auch Veröffentlichung [1]. |
Es hat sich erwiesen, dass dunkle Exemplare auf Untergründen mit wenig Vegetation am ehesten übersehen werden. Gelbe Exemplare verschwinden in hell beleuchteten offenen Graslandschaften, während die gebänderten und rosa gefärbten Varianten vor allem im Geäst von Büschen und Sträuchern am besten getarnt sind. Aufgrund der Vielzahl an Habitaten, die Bänderschnecken bewohnen, werden immer manche schlecht getarnten Formen gefangen und gefressen, die anderen, besser getarnten, überleben aber und sichern den Fortbestand der Art.
Zusätzlich findet auch eine jahreszeitlich unterschiedliche Selektion durch Fressfeinde statt. In den vegetationsarmen Jahreszeiten werden auffällig gefärbte Schnecken eher gefressen als unauffällig bräunliche, die ihrerseits wieder in den vegetationsreichen Jahreszeiten auffälligen sind und stärker ausgelesen werden.
Die entstehende Vielzahl an Gehäusefarben und –formen bezeichnet man, wie erwähnt, als Polymorphismus. Er hat, wie bereits geschildert, keine artbildende Funktion, vielmehr wird durch die Vielzahl an Farben und Formen die Überlebenschance der Art in ebenso vielzähligen unterschiedlichen Habitaten sicher gestellt.
![]() Hainbänderschnecken (Cepaea nemoralis) von zwei verschiedenen Fundorten: Links: Gelände der Angewandten Genetik (FU Berlin) [RN], rechts: Efeubewachsene Mauer in Berlin-Dahlem (vgl. Schaubild D2), Bild: Micaela Brugsch. |
Interessanterweise sind die frisch geschlüpften Bänderschnecken noch ungebändert. Die Schalenbänder entstehen erst einige Wochen nach dem Schlüpfen der Jungschnecken.
Das bereits erwähnte internationale Projekt "Evolution Megalab" hat es sich im Darwinjahr 2009 zur Aufgabe gemacht, in verschiedenen Ländern Ergebnisse von Feldforschern (wie in Schaubild D1 und D2 dargestellt) zu sammeln, die unterschiedlichen Formen von Bänderschnecken der beiden Arten Cepaea nemoralis und Cepaea hortensis an bestimmten Fundorten zu gezählt haben und das Verhältnis der unterschiedlichen Farben (gelb, rosa und braun) und Bänderungen (ungebändert, einfach gebändert und fünffach gebändert) dokumentieren.
Eine weitere Fragestellung ist, ob die zunehmende Seltenheit der Singdrossel (Turdus philomelos) die Selektion durch Fressfeinde der Bänderschnecken beeinträchtigt oder verändert hat. Eines ist aufgrund der oben dargestellten Ergebnisse klar: Die natürliche Verteilung der unterschiedlichen Varianten von Bänderschnecken stellt nicht die genetische Grundlage dar. Wenn es nicht (mehr) die Singdrossel ist, die hier selektiv wirkt, dann ist es eine andere Vogelart oder ein bislang unbekannter Faktor.
Diese Ergebnisse sollen mit historischen Erkenntnissen verglichen werden, in der Hoffnung, einen Evolutionstrend darstellen zu können.
Der Erfolg der Bänderschnecken spricht für sich und der Farbenvielfalt scheinen nach, wie vor, nur wenige Grenzen gesetzt zu sein.
Weiter führende Informationen:
Schnirkelschnecken II: Helicinae:
Bänderschnecken, Weinbergschnecken und ihre nächsten Verwandten.
Tierenzyklopädie Online:
Die Singdrossel.
Benecke,
M.:
Die rätselhaften
Bänder der Cepaeae. (Aus: Club Conchylia 27(1), pp. 59-62, 1995).
Cook,
L.:
Cepaea genetics - what we think we know and what we don't know.
Evolution Megalab, abgerufen am 20.10.2009. (Auch die Grundlage der Tabellen
T1 und T2).
Nordsieck, R. (2010): "Bänderschnecken - wenn Buntheit das Überleben
sichert". - Arthropoda, eingereicht. [1]

Das europaweite
Bänderschneckenprojekt im Darwinjahr 2009.

Burgunderrot gefärbtes Exemplar der
Hainbänderschnecke (Cepaea nemoralis). [RN]