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Die Fühler der Schnecken


Kopf einer Weinbergschnecke mit den charakteristischen vier
Fühlern. [RN]
 

Betrachtet man eine Weinbergschnecke (Helix pomatia), die ihres Weges kriecht, so fällt sogleich ihr charakteristischer Körperbau auf, zweigeteilt in die harte, leblose Schale und den weichen, lebendigen Körper. Weinbergschnecken, im Gegensatz zu manchen anderen Weichtieren, besitzen außerdem am Kopf vier deutlich erkennbare Fühlern oder Tentakeln, mit denen sie ihre Umgebung ertasten.

 
Augenfühler einer Weinbergschnecke. [RN]

Diese vier Fühler sind separat beweglich und können eingezogen werden, wie man leicht erkennen kann, wenn die Schnecke auf ein Hindernis stößt. Weinbergschnecken besitzen zwar gut entwickelte Augen, um deren Sehschärfe es jedoch nicht allzu gut bestellt ist. Um so größere Bedeutung haben daher die Fühler für die Orientierung der Schnecke in ihrer Umgebung.

Grundsätzlich besitzen alle Schnecken Fühler. Deren Aussehen und Funktion sind jedoch bei den verschiedenen Schneckengruppen sehr unterschiedlich. In Wirklichkeit besitzen nur die Landlungenschnecken, zu denen auch die Weinbergschnecke gehört, vier Fühler, die in zwei Paaren am Kopf übereinander angeordnet sind.

An der Spitze der beiden größeren Fühler befindet sich jeweils ein Auge, das ohne Vergrößerung nur als schwarzer Punkt erkennbar ist. Unter dem Mikroskop entpuppt es sich jedoch als relativ hoch entwickeltes Linsenauge. Folgerichtig werden die Landlungenschnecken wissenschaftlich auch als Stylommatophora - Stielaugenträger - bezeichnet.

Eine weitere besondere Fähigkeit der Landlungenschnecken ist, dass sie ihre Fühler jeweils getrennt voneinander einziehen können.

Während der Druck der Blutflüssigkeit (Hämolymphe) (3) den Fühler ausgestreckt hält (Bild rechts, A), muss die Schnecke Muskelkraft aufwenden, um den Fühler einzuziehen (B):


Weinbergschnecke mit rechts teilweise eingezogenen Fühlern.
[RN]
 
 
Ausstrecken und Einziehen des Fühlers. [RN]

Der Retraktor, ein Rückziehmuskel (2), der im Inneren des Fühlers ansetzt, wird dazu kontrahiert (4) und der Fühler verschwindet im schützenden Inneren des Kopfes.

Beim Einziehen des Fühlers kann man das Auge (1) als schwarzer Punkt im Inneren des Fühlers weiter verfolgen.

Während die beiden großen Fühler, wie schon erwähnt, Augen tragen, dienen die kleinen Fühler darunter vor allem als Tastorgane. Beide Fühlerpaare verfügen außerdem über Riechsinneszellen.

Einen Sonderfall stellen manche räuberischen Landschnecken, wie die rosige Wolfsschnecke (Euglandina rosea), dar, die über sechs Fühler zu verfügen scheinen (Bild unten, B). Dieser Anblick täuscht. Es handelt sich vielmehr um die unter den Fühlern sitzenden Lippen, die in Anpassung an die räuberische Lebensweise dieser Schnecken fühlerartig verlängert worden sind. Darauf befinden sich Geruchs- und Geschmackssinneszellen, mit denen Wolfsschnecken nämlich die Schleimspur ihrer Beute - anderer Landschnecken, verfolgen. Keineswegs alle Raubschnecken haben aber solche tentakelförmigen Lippen, sondern nur die, die ihre Beute nach dem Geruch verfolgen, wie Euglandina, oder auch die südafrikanischen Natalina-Arten (Familie Rhytididae).


Kopf und Fühler von Helix (A), Euglandina (B) und Pomatias (C). [RN]

Im Gegensatz dazu gibt es aber auch Schnecken, die nur zwei Fühler haben (C). Dazu zählt zum Beispiel Pomatias elegans, die schöne Landdeckelschnecke.


Schöne Landdeckelschnecke (Pomatias elegans), mit Schalen-
deckel (Operculum). Bild: Michael Stemmer.
 

Bei Pomatias erkennt man auch einen weiteren Unterschied zur Weinbergschnecke: Die Augen befinden sich an der Basis der Fühler. Außerdem kann Pomatias seine Fühler nicht einziehen. Deutlich erkennbar auch der Rüssel (Proboscis), in den sein Kopf nach vorne hin ausläuft.

Pomatias elegans ist insofern ein Sonderfall, als er am Fußende einen Schalendeckel (Operculum) trägt, was bei Landlungenschnecken nie vorkommt. Er gehört zur Gruppe der Littorinoidea (Ordnung Neotaenioglossa), einer Überfamilie, in der seine nächsten Verwandten die im Meer lebenden Strandschnecken (Littorina) sind. Vertreter anderer Deckel tragender Landschneckengruppen sind z.B. die Mulmnadeln (Aciculidae) und die Turmdeckelschnecken (Cochlostomatidae). Im Gegensatz zur großen Artenzahl der anpassungsfähigen Landlungenschnecken (Stylommatophora) sind diese Gruppen aber an Zahl klein geblieben.

  Posthornschnecke (Planorbarius corneus)
Posthornschnecke (Planorbarius corneus).[RN]

Schnecken mit einem einzigen, nicht einziehbaren, Fühlerpaar kommen aber auch bei den Lungenschnecken vor. Die im Süßwasser lebenden Schlammschnecken (Lymnaeidae) und Posthornschnecken (Planorbidae) gehören zum Beispiel dazu. Da sie wie Pomatias, im Gegensatz zu den stieläugigen Landlungenschnecken (Stylommatophora), ihre Augen  aber an der Basis ihrer Fühler tragen und diese nicht einziehen können, nennt man sie folgerichtig systematisch Basommatophora (Grundäugler oder Wasserlungenschnecken).

Näher mit Pomatias verwandt sind hingegen Deckel tragende Süßwasserschnecken, wie die Sumpfdeckelschnecke (Viviparus contectus), die mit den Apfelschnecken zur Überfamilie Ampullarioidea gehört. Auch diese natürlich besitzen nur zwei, nicht einziehbare, Fühler.

Ähnlich, wie die Landlungenschnecken haben aber auch manche Meeresschneckenarten ein zweites Fühlerpaar entwickelt, das die Augen trägt. Im Gegensatz zu den Landschnecken dienen diesen Meeresschnecken (wie etwa Helm- und Flügelschnecken) die Augenträger dazu, leichter unter der schützenden Schale hervorschauen zu können, ohne den Kopf der feindlichen Umwelt aussetzen zu müssen.

Systematische Einordnung der erwähnten Gruppen (z.T. nach CLECOM).

Weiterführende Literatur: