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Die Ernährung der Schnecken

Salatvernichter in Aktion...Die Schnecken (Gastropoda) sind eine sehr vielseitige systematische Gruppe. Im Verlauf der Jahrmillionen ist es ihnen gelungen, nahezu jeden Lebensraum auf der Erde zu besiedeln. Es gibt Schnecken sowohl im Meer, aus dem sie ursprünglich stammen, als auch an Land und im Süßwasser. Unter den zahllosen Anpassungen, die von den Schnecken im Verlauf ihrer Evolution bewältigt werden mussten, gehört die Anpassung ihrer Ernährung an die unterschiedlichsten denkbaren Nahrungsquellen zu den beachtlichsten.


Die spanische Wegschnecke (Arion lusitanicus) treibt die Gar-
tenbesitzer in den Wahnsinn: Kein Salatkopf ist vor ihr sicher.
Bild: Andreas Heidl (Naturdokumentationen Andreas Heidl).
 

Denkt man an die Ernährung der Schnecken, so fällt einem spontan die gemeine Salat vernichtende Nacktschnecke, etwa Arion lusitanicus, die gefürchtete Spanische Wegschnecke, ein. Besonders, wenn sie zahlreich auftritt, kann sie große Schäden im heimischen Garten anrichten.

Wie aber gelingt es der Spanischen Wegschnecke, solche Schäden anzurichten, die der verzweifelte Gärtner am anderen Morgen an den charakteristischen Fraßspuren im Salat erkennt?

Schnecken besitzen weder Mundwerkzeuge, wie etwa ein Krebs, noch ein Gebiss, wie ein Säugetier. Statt dessen verfügen sie, wie alle anderen Weichtiere, über ein in der Natur einzigartiges Organ, eine Raspelzunge, Radula genannt, mit der sie ihre Nahrung zwar nicht abbeißen, aber abraspeln, können. Das Potential der Wegschnecken zur Salatvernichtung zeugt von der Effektivität dieses Organs.

Die Raspelzunge einer Schnecke ähnelt im Prinzip der Miniaturausführung eines Schaufelbaggers: Ein elastisches Band, mit mikroskopisch kleinen Zähnchen besetzt, wird über einen knorpeligen Kern geführt. Dabei raspeln die Radulazähnchen Nahrungspartikel ab und befördern sie in den Schlund der Schnecke. Die Raspelzunge dient der Schnecke jedoch nicht nur zur Nahrungsaufnahme, Gehäuse tragende Schnecken nutzen sie auch dazu, ihre Mündung von Schleimresten zu befreien. Besonders dann ist beim genauen Hinhören ein vernehmliches kratzendes, schabendes Geräusch zu vernehmen.

Funktion der Radula bei der Weinbergschnecke.
Siehe auch: Nano (3sat): Weinbergschnecken schmatzen.

Film: Eine Schnecke frisst an einer Scheibe Gurke. [RN] MOV-Datei, ca. 4,5 MB.

  Weinbergschnecke (Helix pomatia) a Weinbergschnecke (Helix pomatia) b Spanische Wegschnecke (Arion lusitanicus) c
Elektronenmikroskopische Aufnahmen der Radula verschiedener Landschnecken.
Von links nach rechts: a, b: Weinbergschnecke (Helix pomatia); c: Spanische Weg-
schnecke (Arion lusitanicus). Quelle: Universität Salzburg (Josef Ramsauer).

Erst auf einer elektronenmikroskopischen Aufnahme, wie sie im Rahmen eines Projektes an der Universität Salzburg ausgeführt wurde, erkennt man, dass die Radulazähnchen einer Landschnecke keineswegs einfach gebaut sind, sondern vielmehr einen ausgeklügelten Feinbau aufweisen. Zudem sind keineswegs alle Radulazähnchen gleich aufgebaut, wie man besonders an der vergrößerten Darstellung der Radula von Helix pomatia erkennt: Die in der Mitte liegenden so genannten Rhachiszähne sind anders gebaut, als die links und rechts davon liegenden Lateralzähne.

Zusätzlich erkennt man trotz aller verwandtschaftlichen Ähnlichkeit zwischen den dargestellten Radulae von Helix pomatia (der Weinbergschnecke, einem ausschließlichen Pflanzenfresser) und Arion lusitanicus (der Spanischen Wegschnecke, einem fakultativen Aasfresser, vgl. dazu: Schnecken - der Gartenschreck) einen deutlichen Unterschied im Bau der Radulazähne, die bei Arion lusitanicus rechts deutlich länger und spitzer sind.


Radula von Daudebardia rufa.
Quelle: FALKNER (1990).
 
 
Rötliche Daudebardie (Daudebardia rufa), eine Raubschnecke,
die u.a. Regenwürmer frisst. Quelle:  biolib.cz (Jiří Novák).

Noch deutlicher wäre der Unterschied bei einer Raubschnecke, wie etwa Testacella haliotidea oder Daudebardia rufa:

Trotz der landläufig verbreiteten Ansicht, dass sich Schnecken vor allem durch die Vernichtung von Salat und anderem Gartengemüse auszeichnen, gibt es nämlich sehr wohl Schnecken, die sich teilweise oder sogar vollständig von tierischer Nahrung ernähren.

Diese einheimischen Raubschneckenarten ernähren sich vorwiegend von kleinen Schnecken, Insektenlarven und schließlich von Regenwürmern, die sie mit den sichelförmigen Zähnchen der Radula packen und lebendig im Schlund verschwinden lassen. Da der Regenwurm deutlich länger ist, als die Schnecke, wird er oftmals an einem Ende bereits verdaut, während das andere Ende noch heraus schaut.


Dalmatinische Raubschnecke (Poiretia cornea).
Bild: Klaus Bogon.
 

Eine andere interessante Jagdmethode hat die Dalmatinische Raubschnecke (Poiretia cornea), eine mediterrane Art, die an der Adriaküste von Monfalcone bis Albanien vorkommt. Ihre bevorzugte Beute sind Landdeckelschnecken der Gattung Pomatias.

 
Pomatias elegans. Unten: Spu-
ren von Poiretia-Angriffen.

Aufgrund des Schalendeckels dieser Schnecken kann sie nicht einfach durch die Mündung ins Innere der Schale eindringen, um die Schnecke zu fressen. Statt dessen hat sie eine Säuredrüse im Fuß entwickelt, mit der sie die Schalenwand der Beute auflöst, um diese anschließend ohne eine mögliche Gegenwehr fressen zu können.

Poiretia gehört systematisch gesehen zur Familie Oleacinidae, einer ausschließlich räuberisch lebenden Landschneckenfamilie, die vorwiegend neotropisch, also in Südamerika (vgl. Faunenprovinzen) vorkommt. Ein anderer bekannter Vertreter dieser Familie ist die ursprünglich um Florida vorkommende Rosige Wolfsschnecke (Euglandina rosea).

Taxonomisch bildet die Familie zusammen mit den oben bereits genannten Testacellidae eine gemeinsame Überfamilie, die Oleacinoidea.

Trotz ihres blumigen Namens ist die Rosige Wolfsschnecke (Euglandina rosea) kein freundlicher Zeitgenosse. 

 
Rosige Wolfsschnecke (Euglandina rosea), junges Exemplar.
Bild: Bill Frank, Jacksonville Shell Club, mit freundlicher Genehmigung.

Ihre Lippen sind fühlerartig verlängert, so dass sie ihre Beute, andere kleine Landschnecken entlang ihrer Schleimspur verfolgen kann. Dabei macht Euglandina auch vor Wasserläufen nicht halt und verfolgt die Beute selbst auf Bäume. Schon die Jungtiere fressen ihre schwächeren Geschwister und gewinnen so selbst an Stärke.

Auf den Inseln Französisch Polynesiens wurde die dort nicht ursprünglich heimische Wolfsschnecke vom Menschen eingeführt, um der durch die ebenfalls nicht ursprünglich heimischen großen Achatschnecken entstehenden Plage Herr zu werden. Die Wolfsschnecke jedoch neigt eher dazu, kleine Baumschnecken zu verfolgen, als sich mit den riesigen Achatschnecken zu befassen - in der Folge sind zahlreiche Arten der kleinen, nur auf bestimmten Pazifikinseln vorkommenden Baumschneckenarten (zum Beispiel der Gattung Partula) heute ausgestorben.

Trotz dieser beschriebenen Beispiele räuberischer Ernährung stehen bei den meisten Landschneckenarten doch eher Pflanzen auf dem Speiseplan. Viele Nacktschnecken, wie etwa der große Schnegel (Limax maximus) ernähren sich auch von Pilzen. Schließlich gibt es auch Gruppen, wie etwa die Glanzschnecken (Zonitidae), die sich sowohl pflanzlich, als auch von Aas und lebender tierischer Nahrung ernähren, und in deren systematischer Umgebung es schließlich zur Entstehung rein räuberisch lebender Gruppen (wie z.B. in diesem Fall der Daudebardiidae) gekommen ist.


Wellhornschnecke mit aufgerichtetem Sipho
auf der Suche nach Beute.
 

Viele Meeresschnecken jedoch, wie die links im Bild dargestellte Wellhornschnecke (Buccinum undatum), sind Fleisch- oder Aasfresser, zu einem deutlich größeren Anteil als ihre landlebenden Verwandten. Die Wellhornschnecke überfällt zum Beispiel Miesmuscheln und klemmt ihren Fuß zwischen die Schalenklappen, bevor die überraschte Muschel diese schließen kann. Anschließend frisst sie das nahrhafte Innere der Muschel in aller Ruhe leer. Mit erhobenem Atemrohr, dem Sipho, in dem sich zahlreiche Geruchssinneszellen befinden, kriecht die Wellhornschnecke anschließend auf der Suche nach Beute weiter umher, die sie in ihrem Atemwasser riechen kann.

Andere Meeresschnecken haben sich darauf spezialisiert, die Schalen ihrer Beute aufzubohren, um sie anschließend aufzufressen. Viele Pflanzen fressende Schnecken haben daher besonders dicke und widerstandsfähige Schalen entwickelt, die sie gegen solche Angriffe schützen. Miesmuscheln versuchen, angreifende Schnecken mit ihren Byssusfäden zu fesseln. Napfschnecken schließlich versuchen, den Fuß der angreifenden Schnecke unter der Schale einzuklemmen.

 
Napfschnecke an ihrem angestammten Lagerplatz.
Quelle: Morris, Currie: Rocky Shore Ecology.

Keineswegs alle Meeresschnecken ernähren sich aber von tierischer Nahrung. Gerade die eben genannten Napfschnecken haben sich darauf spezialisiert, den Algenbewuchs von Felsen in der Gezeitenzone abzuraspeln. Um in der Brandung nicht vom Felsen gespült zu werden, besitzen diese Schnecken die napfförmige Schale, von der sie ihren Namen haben, und einen besonders kräftigen Fuß, der sie so fest am Felsen hält, dass man sie ohne Werkzeug kaum lösen kann.


Radula der Napfschnecke Patella rustica.
Bild: Universität Salzburg, mit freundlicher
Genehmigung.
 

Angepasst an ihre Ernährungsform ist die Radula der Napfschnecke wie ein starres Band aufgebaut. Seine gleichförmig gestalteten Zähnchen raspeln in einer charakteristischen Weise den Pflanzenbelag vom Untergrund ab. Wie im Bild rechts dargestellt, räumt die Napfschnecke dabei mit ihrer Schale konkurrierende Seepocken wie ein Bulldozer ab. Wo sie am Tag entlang gekrochen ist, kann man so leicht anhand der Fraßspur einer Napfschnecke erkennen.

Aufgrund des vielseitigen Nahrungsangebotes und der dazu passenden, vielfach sehr spezialisierten, Methoden der Nahrungsaufnahme ihrer  Nahrungsaufnahme hat sich  so bei den Meeresschnecken eine Vielzahl unterschiedlicher Radulaformen entwickelt. In der Systematik der Schnecken hat daher der Bau der Radula und die Form ihrer Zähnchen eine große systematische Bedeutung. Die starre Form der Radula einer Napfschnecke mit ihrer gleichmäßigen Bezahnung bezeichnet man wissenschaftlich als docoglosse Radula (Balkenzunge).

 
Conus marmoreus frisst eine Kaurischnecke (Cypraea caput-
serpentis
). Quelle: James McVey, NOAA Sea Grant Program.


Radula-Zahn einer Kegelschnecke. Quelle: Unterwasserbilder
von D. und W. Fritz.

Einen selbst für die vielseitigen Schnecken außergewöhnlichen Sonderfall stellen die im Meer lebenden Kegelschnecken (Conidae) dar. Während die kleineren Arten, wie die Mittelmeer-Kegelschnecke (Conus mediterraneus) Jagd auf marine Würmer (Polychaeta) und andere Weichtiere, vor allem Schnecken, machen, greifen größere Arten, wie Conus textile, sogar kleine Fische an.

Bildfolge: Conus textile erbeutet einen Fisch.

Bemerkenswert ist die Jagdmethode des Kegelschnecken: Bei den meisten Arten wir die Beute zunächst mit einem schnell wirkenden Nervengift unbeweglich gemacht und anschließend ganz verschlungen. Dazu besitzt eine Kegelschnecke nur noch eine sehr geringe Anzahl von Radulazähnchen. Diese sind zu einer hohlen Kanüle umgewandelt, an deren Ende sich eine spezielle Giftdrüse befindet, aus der die Kegelschnecke ihrer Beute das Nervengift injiziert. Besonders das Gift der größeren Fisch fressenden Arten, kann selbst für den Menschen gefährlich werden. Der ausschließlich Würmer fressende Conus mediterraneus ist hingegen für den Menschen ungefährlich.

Die Radula der Kegelschnecken bezeichnet man passenderweise als toxoglosse Radula (Giftzunge).

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