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Die Ernährung der Schnecken I

Grundlagen - Pflanzenfressende und aasfressende Landschnecken

Teil I: Grundlagen, pflanzenfressende und aasfressende Landschnecken Teil II: Fleisch fressende Landschnecken Teil III: Meeresschnecken

Salatvernichter in Aktion...Die Schnecken sind eine sehr vielseitige und artenreiche Gruppe, die eine große Vielzahl an Methoden der Nahrungsbeschaffung und Ernährung entwickelt hat.


Die spanische Wegschnecke (Arion vulgaris) treibt die Gar-
tenbesitzer in den Wahnsinn: Kein Salatkopf ist vor ihr sicher.
Bild: Andreas Heidl (Naturdokumentationen Andreas Heidl).
 

Allgemein bekannt sind natürlich die Auswirkungen pflanzenfressender Nacktschnecken, besonders der Spanischen Wegschnecke (Arion vulgaris) und der Gartenwegschnecke (Arion hortensis), sowie der Ackerschnecken (z.B. Deroceras agreste), auf unsere heimischen Gartenanlagen. Bereits an dieser Stelle muss man sich darüber klar sein, dass keineswegs alle Landschnecken Pflanzenfresser sind, und selbst von diesen nicht alle Schädlinge. In noch größerem Maße gilt dies bezogen auf alle Schnecken.

Die Raspelzunge (Radula)

Schnecken besitzen weder Mundwerkzeuge, wie etwa ein Krebs, noch ein Gebiss, wie ein Säugetier. Stattdessen fressen sie mittels eines spezialisierten Organs, der so genannten Raspelzunge oder Radula, die den Weichtieren eigentümlich ist, allerdings nur bei manchen Gruppen vorkommt.

 
Radula einer Achatschnecke (Achatina achatina).
Bild: Martina Eleveld.

Die Raspelzunge einer Schnecke ähnelt im Prinzip der Miniaturausführung eines Schaufelbaggers: Ein elastisches Band, mit mikroskopisch kleinen Zähnchen besetzt, wird über einen knorpeligen Kern geführt. Dabei raspeln die Radulazähnchen Nahrungspartikel ab und befördern sie in den Schlund der Schnecke. Die Raspelzunge dient der Schnecke jedoch nicht nur zur Nahrungsaufnahme, Gehäuse tragende Schnecken nutzen sie auch dazu, ihre Mündung von Schleimresten zu befreien. Besonders dann ist beim genauen Hinhören ein vernehmliches kratzendes, schabendes Geräusch zu vernehmen.

Funktion der Radula bei den Schnecken (Gastropoda).
Siehe auch: Nano (3sat): Weinbergschnecken schmatzen.

Weinbergschnecke (Helix pomatia) a Weinbergschnecke (Helix pomatia) b Spanische Wegschnecke (Arion lusitanicus) c
Elektronenmikroskopische Aufnahmen der Radula verschiedener Landschnecken.
Von links nach rechts: a, b: Weinbergschnecke (Helix pomatia); c: Spanische Weg-
schnecke (Arion vulgaris). Quelle: Universität Salzburg (Josef Ramsauer).
 

Erst auf einer elektronenmikroskopischen Aufnahme, wie sie im Rahmen eines Projektes an der Universität Salzburg ausgeführt wurde, erkennt man, dass die Radulazähnchen einer Landschnecke keineswegs einfach gebaut sind, sondern vielmehr einen ausgeklügelten Feinbau aufweisen. Zudem sind keineswegs alle Radulazähnchen gleich aufgebaut, wie man besonders an der vergrößerten Darstellung der Radula von Helix pomatia erkennt: Die in der Mitte liegenden so genannten Rhachiszähne sind anders gebaut, als die links und rechts davon liegenden Lateralzähne.

Zusätzlich erkennt man trotz aller verwandtschaftlichen Ähnlichkeit zwischen den dargestellten Radulae von Helix pomatia (der Weinbergschnecke, einem ausschließlichen Pflanzenfresser) und Arion vulgaris (der Spanischen Wegschnecke, einem fakultativen Aasfresser, vgl. dazu: Schnecken - der Gartenschreck) einen deutlichen Unterschied im Bau der Radulazähne, die bei Arion vulgaris rechts deutlich länger und spitzer sind.

 
Grüne Koboldschnecke (Hemiplecta wichmanni) frisst Algen von
der Terrarienwand: Gut sichtbar: Die Funktion der Radula.
Film: Martina Eleveld (YouTube).
Weinbergschnecke knabbert an einem Blatt.
Weinbergschnecke frisst an einem Blatt Grünfutter. Sie zieht
den Rand des Blattes dabei mit der Radula in den Mund und
schneidet ein Stück mit dem Kiefer ab.  Bild: Robert Nordsieck.
 

Bei pflanzenfressenden Schnecken wirkt der an der Oberseite des Schlundes sitzende Oberkiefer als Antagonist der Radula, der es der Schnecke ermöglicht, Pflanzenteile "abzubeißen". Fleischfressende Schnecken besitzen in einer Vielzahl der Fälle keinen Oberkiefer, da sie ihre Nahrung meistens raspeln oder reißen.

Pflanzenfressende Schnecken

Mittlerweile sind die Nahrungsvorlieben von Schnecken sehr gut studiert. Pflanzenfressende Schnecken fressen nahezu alle Arten von Pflanzenteilen und Pilzen. Frische und welkende Pflanzenteile werden zu unterschiedlichen Teilen angenommen. So ist es keineswegs so, dass die gartenlebenden Schnecken vordringlich an die frischesten Pflanzenteile gehen, sondern oftmals welke Pflanzenteile vorziehen. Unter diesen ist zum Beispiel die einheimische Weinbergschnecke (Helix pomatia). Dabei mag von Bedeutung sein, dass der Gehalt an Giftstoffen in welken Pflanzenteilen oftmals geringer ist, als in frischen Pflanzenteilen.

Studien haben zudem ergeben, dass Schnecken auch angelockt werden, wenn Pflanzen bereits Botenstoffe aussenden, weil sie durch Herbivorie bereits geschwächt sind.


Graue Schließmundschnecken (Bulgarica cana).
Bild: © Sigrid Hof (Quelle).
 

Besonders kleine Schneckenarten, unter diesen viele baumlebende und felsbewohnende Arten, fressen vordringlich Algen und Flechten, die auf der Rinde und am Felsen wachsen. Zu diesen zählen beispielsweise viele Schließmundschneckenarten (Clausiliidae), aber auch Vielfraßschnecken (Enidae) und Riemenschnecken (Helicodontidae).

Viele Schneckenarten tragen durch ihre Ernährung auch zur Ausbreitung von Pflanzenarten bei. Man spricht dabei von Endozoochorie. Sie kommt beispielsweise bei Schneckenarten vor, die von Flechten leben. Diese meist baumlebenden Schnecken raspeln die Flechten und verschlucken sie, wobei es einzelnen Fragmenten gelingt, den Verdauungstrakt der Schnecken unbeschadet zu passieren und mit dem Kot ausgeschieden zu werden. Aus diesen Zellen entwickeln sich anschließend neue Flechten die außerdem durch die Schnecke weiter verbreitet wurden.

Boch, S.; Prati, D.; Werth, S.; Rüetschi, J.; Fischer, M. (2011): Lichen Endozoochory by Snails. PLoS ONE 6 (4). (Link).

Weitere Schneckenarten fressen auch zerfallendes Holz und altes Laub, unter diesen beispielsweise die Landdeckelschnecken (Pomatias elegans). Nicht nur diese verfügen über symbiotische Bakterien, die es ihnen ermöglichen, Zellulose aufzuschließen und in ihre Zuckerbestandteile zu zerlegen.

Zu den Pilzfressern gehören viele Nacktschnecken, unter diesen der waldbewohnende Schwarze Schnegel (Limax cinereoniger), die größte einheimische Landschnecke. Pilze werden aber nicht nur in Form von Fruchtkörpern gefressen, viele Schnecken fressen auch Erde, zum einen als Kalkquelle, zum anderen wegen der darin vorhandenen Pilzmycelien.

Was fressen Schnecken?

Aasfressende Schnecken

 
Ein Jungtier der Spanischen Wegschnecke (Arion vulgaris)
frisst einen Steinpicker (Helicigona lapicida).
Bild: Robert Nordsieck. Vergrößerte Ansicht.

Viele landlebende Schneckenarten sind keine reinen Pflanzenfresser, sondern zumindest fakultative Aasfresser, die gelegentlich Eier anderer Schnecken oder tote Schnecken fressen. So kann man stellenweise sehr ungewöhnliche Beobachtungen machen, z.B. eine Baumschnecke (Arianta arbustorum), die einen Regenwurm frisst. Ähnliches Verhalten ist von der Gefleckten Weinbergschnecke (Cornu aspersum) oder von den meisten Achatschneckenarten (Achatinidae) bekannt.

Der Anblick mehrerer Wegschnecken (Arionidae), die nach einem Regen an einem toten Artgenossen fressen, ist relativ häufig. Und tatsächlich erfüllen Nacktschnecken in der Natur eine wichtige Aufgabe als Gesundheitspolizei, die bei der Verwertung toten organischen Materials hilft. Auch im Komposthaufen sind meist viele Nacktschnecken zu finden.

Bei diesen Schnecken, wie unlängst bei der Spanischen Wegschnecke (Arion vulgaris) beobachtet, ist die Grenze zum aktiv räuberischen Verhalten durchaus fließend (vgl. Wegschnecken und ihre vielseitige Nahrungsauswahl). Während diese häufigen Nacktschnecken früher als Aasfresser vermutet wurden, ist inzwischen erwiesen, dass sie auch aktiv andere Schnecken erjagen und fressen.

Die Invasion der spanischen Wegschnecken.

Als Besonderheit sind hier die Ackerschnecken (Deroceras hilbrandii) zu erwähnen, die man dabei beobachtet hat, wie sie die Opfer einer fleischfressenden Pflanze (Pinguicula vallisneriifolia) "stahlen".

Zamora, R.; Gomez, J.M. (1996): Carnivorous plant-slug interaction: a trip from herbivory to kleptoparasitism. Journal of Animal Ecology 65: 154-160.

Nicht nur Aas, auch Tierkot, ist für viele Nacktschnecken eine wichtige Nahrungsquelle.

Weiterführende Literatur